Basiseinkommen fĂŒr alle: Das BĂŒrgergeld oder Grundeinkommen

25. Juli 2007

Die Diskussion um „Hartz IV“ erweckte den Eindruck, als sei in Deutschland jeder arbeitslos oder akut von Arbeitslosigkeit bedroht. Die BILD-Zeitung machte eine ganze Serie daraus, wie mit den neuen Formularen zu verfahren sei, der SPIEGEL verkĂŒndete das Ende der alten Republik auf der Titelseite. Und im Stern sollten wir eine Familie bemittleiden, deren 55-jĂ€hriger Vater zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren arbeitslos war und die mit den Neuregelungen von 1879 Euro Arbeitslosenhilfe auf 427 Euro Arbeitslosengeld II pro Monat fallen sollte.
Was war noch mal die Frage, die zu Hartz IV gefĂŒhrt hatte? Die Sozialversicherungen sollten zukunftsfĂ€hig gemacht werden. Es ging darum, ein antiquiertes System, in dem mittlerweile rund 30 Millionen Menschen monatlich versorgt werden, zu retten. Schon diese Aufgabenstellung – die ĂŒbrigens im Detail weder vom Ministerium noch der GeschĂ€ftsstelle der Hartz-Kommission zu bekommen war – hĂ€tte die Medien das Thema eigentlich fortan ignorieren lassen mĂŒssen. Denn es war klar: Intelligenz ist mal wieder nicht gefragt, es geht darum, PfrĂŒnde zu sichern. Was wĂ€re eine Gesundheitsministerin ohne gesetzliche Krankenversicherung, was ein Arbeitsminister ohne Staatsrente und ArbeitslosenbeitrĂ€ge? Und was ein Parlament, ohne tĂ€glich neue Gesetzgebungsverfahren zur Verwaltung des „Sozialstaates“?

ÜberlebensfĂ€hig sollte das System werden, indem ein paar Euro weniger durchlaufen – oder auch ein paar mehr, so genau wusste das niemand. Im Hause Clement ging man im Jahr 2003 noch von etwa 3 Milliarden Euro Einsparpotenzial aus. Das konnte nichts anderes bedeuten, als kĂŒnftig weniger Geld auszuzahlen. Die offizielle Version, Arbeitslose durch ein neues Versorgungssystem „schneller wieder in Arbeit“ bringen zu wollen, konnte den nicht-lobbyierenden Fachleuten nicht einmal mehr ein GĂ€hnen entlocken, war es doch nur die hundertste Neuauflage der Idee, der Staat könne mit irgendwelchen Gesetzen produktive Jobs schaffen, Arbeitssuchende verĂ€ndern und Nachfrage erzeugen. Weil man das auch in den Behörden lange schon nicht mehr glaubt, kamen schnell auch VorschlĂ€ge auf den Tisch, die nur mit höheren statt geringeren Ausgaben realisiert werden konnten, vor allem: Bezahlung fĂŒr gemeinnĂŒtzige – also eigentlich ehrenamtliche – Arbeit (SPD-Version) oder LohnkostenzuschĂŒsse (Union).

Hartz IV war nur auf die Langzeitarbeitslosen bezogen, fĂŒr die nun eine neue Berechnung ihrer Förderung gilt und bei der sie zwangslĂ€ufig in der Summe weniger bekommen mĂŒssen, wenn die Rechnung denn wenigstens ein bisschen aufgehen soll. Kein besonders revolutionĂ€rer Ansatz, und eigentlich auch nichts, was eine Republik verĂ€ndern könnte. Denn wenn öffentlich diskutiert wĂŒrde, wie im einzelnen Geld ĂŒber die Arbeitslosenpflichtversicherung umverteilt wird, dĂŒrfte es kaum Widerstand gegen ein stetiges Absinken der „Leistungen“ bis zum „Sozialhilfeniveau“ geben, schließlich unterscheidet sich der Langzeitarbeitslose irgendwann bei bestem BemĂŒhen nicht mehr vom SozialhilfeempfĂ€nger – nur dass eben bis zur Reform beide von unterschiedlichen Stellen ihr Geld zum Leben bekommen hatten.

Zu den „sozialen Sicherungssystemen“ wurde die existenziellste UnterstĂŒtzung, die „Sozialhilfe“, bisher meist nicht gezĂ€hlt – erst die dramatische Zusammenlegung von Arbeitslosengeld (Sozialversicherung) und Sozialhilfe (steuerfinanziert) erweiterte den politischen Horizont etwas. Das Grundproblem aber wurde durch die Reform nicht tangiert: es gibt Hunderte von finanziellen UnterstĂŒtzungsmöglichkeiten in Deutschland, die alle ihren opulenten Verwaltungs- und Entscheidungsapparat haben. Geld verteilen zu können bedeutet schließlich, Macht auszuĂŒben, und Ordnung muss es dabei in Deutschland auf jeden Fall haben: alles muss nachprĂŒfbar sein, alles eine formale BegrĂŒndung haben. Und so gibt es Wohngeld und Bafög, Kleidungs- und HeizkostenzuschĂŒsse, GEZ-Befreiungen und Beihilfen fĂŒr die Familienfeier, aber natĂŒrlich auch zig Beihilfen in der Landwirtschaft, Subventionen fĂŒr den Schiffsbau, SteuervergĂŒnstigungen fĂŒr Nachtarbeit, SchĂŒlerfahrkartenzuschĂŒsse, – einen gigantischen Verschiebebahnhof, dessen Transfervolumen auch von Profis nur geschĂ€tzt werden kann, so undurchschaubar ist er. Was fehlt ist – so freidemokratisch das klingt: Freiheit. Die Freiheit des Einzelnen, seines GlĂŒckes Schmied zu sein. Es profitieren die Abzocker, diejenigen, die sich darauf spezialisieren zu wissen, wo es was zu holen gibt. Und das sind bei Leibe nicht nur die SozialhilfeempfĂ€nger, die hier gebetsmĂŒhlenartig ins Diskussionsfeld gefĂŒhrt werden. Das Nachsehen haben diejenigen, die zunĂ€chst mal selbst klar kommen wollen oder die einfach nicht wissen, was es an sozialen Leistungen fĂŒr sie geben könnte. Denn auf einen staatlichen Berater, der Ihnen Ihre Rechte erklĂ€rt, können Sie lange warten.

Wie fĂŒr die meisten Probleme gibt es auch hierfĂŒr eine Patentlösung – denn es mangelt ja nicht an Ideen, es hapert an der Umsetzung, die in den meisten FĂ€llen eine drastische Vereinfachung und damit Machtverlust fĂŒr Tausende bis Zehntausende Beamte bedeuten mĂŒsste. Dabei lagern die Patentlösungen nichtmals in einem Giftschrank, gelegentlich finden sie sogar politische ErwĂ€hnung.

Der sehr gute Vorschlag fĂŒr die „soziale Sicherung“ heißt „BĂŒrgergeld“ oder „negative Einkommensteuer“, wobei der erste Begriff eine gewisse Verdrehung der Tatsachen ist, denn alles Geld des Staates ist „BĂŒrgergeld“, von wem sonst soll es kommen, und es kann wohl auch nur an BĂŒrger wieder ausgezahlt werden, der zweite Begriff ist sehr technokratisch und wegen seiner fiskalischen Anbandlung wenig geeignet, Sympathien zu wecken. Helmut Pelzer spricht in seinem „BĂŒrgergeld nach dem Ulmer Modell“ daher sehr sinnig auch vom „unbedingten Basiseinkommen“. Bleiben wir aber der Dialogbereitschaft halber beim mehr oder weniger etablierten Begriff des BĂŒrgergelds, auch wenn sich in der Fachdiskussion dahinter sehr verschiedene AnsĂ€tze verbergen.

Die Idee des BĂŒrgergelds stammt im Wesentlichen von Milton Friedmann, vorgestellt 1962 in seinem Buch „Kapitalismus und Freiheit“. In der hier vertretenen strengen Form bedeutet es: Jeder BĂŒrger des Landes erhĂ€lt einen bescheidenen, aber ausreichenden Geldbetrag zum Leben. DafĂŒr muss er nichts tun – sich nicht rechtfertigen, fast keine Formulare ausfĂŒllen; es ist nicht mit Peinlichkeit verbunden und es erfordert keinen Trickreichtum. Dieses Geld gibt es einfach so, von der irdischen Ankunft bis zum endgĂŒltigen Adieu.

Das klingt fĂŒr viele zunĂ€chst erschreckend: Geld fĂŒr alle, wie soll denn das gehen? Es ist eine recht simple Rechnung: Wenn wir alle derzeitigen personengebundenen Transferzahlungen addieren, also Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeld etc. – ohne Subventionen und dergleichen, die derzeit Unternehmen oder Branchen bekommen – kommen wir auf eine Summe von 685 Milliarden Euro im Jahr. Das ist unbestreitbar sehr viel Geld – das bislang auch aufgebracht werden muss von denen, die mehr erwirtschaften, als sie selbst verbrauchen. Bis auf wenige, meist ungewollte Ausnahmen, hat auch heute schon jeder Mensch in Deutschland Anspruch auf UnterstĂŒtzung, wenn er sich selbst nicht ernĂ€hren kann. Das BĂŒrgergeld soll also keinen neuen Geldsegen bringen, sondern Einfachheit und Gerechtigkeit.

Es wird gezahlt ohne Ansehen der Person und ihrer LebensumstĂ€nde. Wir könnten uns endlich verabschieden von einem SchnĂŒffelstaat, der meint, Behörden seien im Stande, individuelle LebensumstĂ€nde zu begreifen und dann sachgerecht zu entscheiden, wer was braucht, weil er es selbst tatsĂ€chlich nicht auf die Reihe bekommt.

FĂŒr das BĂŒrgergeld spricht zudem:

- Es ist absolut gerecht.

- Man kann mit diesem Geld kalkulieren, rechnen – ohne zu ĂŒberlegen, ob man sich aufs Sozialamt traut und welche Folgen das fĂŒr die weitere Lebensplanung haben könnte.

- Wir sind es den Ausstiegswilligen schuldig. Es gibt ja wahrlich nicht nur die Abfolge von Katastrophen, die derzeit einen Menschen unter die BrĂŒcke fĂŒhrt. Wir haben in diesem dicht besiedelten Land – ggf. demokratisch per Mehrheitswillen – jeden Winkel okkupiert. Man kann nicht einfach irgendwo sein Zelt aufschlagen, sich in die Einöde zurĂŒckziehen, von ein wenig Ackerbau leben. Es ist kein besonderer Luxus, wenn wir akzeptieren, denen, die auf unser System keinen Bock haben, wenigstens eine kleine Chance zu geben, es fĂŒr sich anders zu machen.

- Wir sparen immensen Verwaltungsaufwand! Jedes Sozialamt wird ĂŒberflĂŒssig. Aber auch ein großer Teil der Arbeitsamtsverwaltung (ja, ja, Agentur, aber wir mĂŒssen ja nicht jede Modewelle mitmachen), der AuslĂ€nderbehörden, die gesamte Familienkasse, die Wohngeldberechnungsstelle u.v.m.

- Auch die Arbeitgeber werden entlastet, die derzeit teilweise das Kindergeld verwalten mĂŒssen.

- Niemand muss sich offenbaren. Es braucht kein Attest, dass jemand gerade eine SchĂŒlerphobie bekommen hat oder wegen eines Pflegefalls in der Verwandtschaft nicht erwerbsfĂ€hig sein kann.

- Es gibt keine „SozialbetrĂŒgereien“ mehr, die derzeit Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte und Verwaltungsbehörden beschĂ€ftigen.

- Es ist in der Summe viel gĂŒnstiger als alles, was wir bisher haben, weil wir mit fast keinem Aufwand Geld zu den BĂŒrgern transferieren, anstatt es im Verwaltungsapparat zu verbrauchen.

Wenn Ihnen die Idee des BĂŒrgergelds bisher nicht gelĂ€ufig ist, lassen Sie sich mal einen Moment darauf ein. Vergessen Sie wenigstens kurz das, was Sie als Sozialstaat kennen, werden Sie nicht gleich zum Anwalt von irgendwem, sondern trĂ€umen Sie einmal mit, was wĂ€re wenn.

Ein Handwerker macht pleite. Damit wird er seinen bis dato gewohnten Lebensstandard nicht halten können, das ist klar. Aber er muss sich auch nicht in seiner Werkstatt aufhĂ€ngen, weil er keinen Ausweg mehr sieht: er hat immerhin noch sein BĂŒrgergeld, an das niemand ran kommt (pfĂ€ndungssicher). Und die verschiedenen Insolvenzmöglichkeiten mĂŒssen ja vielleicht gar nicht groß tangiert werden (die Privatinsolvenz hat schon einer Menge völlig ĂŒberschuldeter Menschen geholfen). Das einzige, was also pekuniĂ€r passiert, ist ein Sturz vom bisherigen Status quo auf das BĂŒrgergeld-Level.

Jemand trennt sich von seinem LebensgefĂ€hrten. Niemals wird sie oder er nun ohne alles da stehen mĂŒssen – das BĂŒrgergeld gibt es immer, zur Not auch bar auf die Hand. Keine ÜberprĂŒfung von SparstrĂŒmpfen oder Ähnliches ist nötig.

Das BĂŒrgergeld wird vom Finanzamt ausgezahlt. Das kennt uns eh splitternackt. Es weiß, was wir verdienen, welche SparbĂŒcher wir haben – alles. Was es nicht weiß, darf es sich weis machen. Dagegen ist nicht zu viel einzuwenden. Beim BĂŒrgergeld passiert nun Folgendes: Das Finanzamt schreibt Ihnen zunĂ€chst monatlich ihr BĂŒrgergeld gut – konkret: es ĂŒberweist es auf Ihr Konto. Es sei denn, Sie haben in letzter Zeit Geld verdient, das versteuert werden muss – dann mindert sich der Betrag oder er löst sich in null auf oder er wird negativ, d.h. Sie zahlen Steuern mehr oder weniger wie bisher. DafĂŒr gibt es eine simple Tabelle. Wer nichts verdient, bekommt das volle BĂŒrgergeld. Das muss knapp bemessen sein, sonst gibt es keinen Anreiz, selbst etwas zu verdienen – und Nichtstun wird fĂŒr alle irgendwann zu teuer, weil wir nicht wie die OPEC-LĂ€nder als Staat einfach vom Ölverkauf leben können. 500 Euro reichen da pro Nase vollends aus – und zwar unabhĂ€ngig davon, wo jemand wohnt, wie er wohnt etc. Das ist Freiheit, auch wenn es der Einzelne mal als Zumutung erlebt! Aber ich muss nun mal nicht im teuren MĂŒnchen wohnen, wo die Mietpreise 52% ĂŒber dem Bundesdurchschnitt liegen – ich kann auch nach Bremerhaven ziehen, wo die Mieten im Schnitt nur ein Drittel von denen der Isar-Stadt betragen.

Es gibt auch keine Probleme mit Ihrem Vermögen: denn Ihren Verdienst haben Sie bereits versteuert, auch ihr Erbe, die erhaltene Schenkung, den Lottogewinn – whatever. FĂŒr das BĂŒrgergeld mĂŒssen Sie nicht wie bei Hartz-IV endlose Formulare ausfĂŒllen. Es reicht, Ihrem Finanzamt heute zu sagen: „Hallo MĂ€dels, ich verdiene seit gestern kein Geld mehr, bitte macht die Abrechnung fertig und ĂŒberweist mir fortan mein BĂŒrgergeld.“

Warum bitte sollte ein Studi Geld vom Staat bekommen, ein Azubi aber muss ihm was geben? Das ist Irrsinn, zumal der Student, dessen Eltern Vermögen haben, nach der BAFÖG-PrĂŒfung nichts bekommt, obwohl sie ihn an der ganz kurzen Leine fĂŒhren. Was soll ein Kindergeld von 125 Euro monatlich, wo doch die Kosten fĂŒr die Aufzucht eher bei 600 EUR pro Monat liegen?

Auf Regelungen, wie wir sie bisher haben, kommt nur, wer sich fĂŒr Gott hĂ€lt – ein wenig jedenfalls: berufen, ĂŒber alles und jeden zu entscheiden.

Das BĂŒrgergeld brĂ€chte Einsparungen, Gerechtigkeit und Freiheit.

Freiheit z.B. fĂŒr Kinder. Wer heute 23 ist und studiert, dessen Eltern bekommen Kindergeld. Heiratet der 23-jĂ€hrige, gibt’s nix mehr – denn Ehepartner können ja kaum noch Kinder sein, wir sind schließlich nicht in Indien. Also gewinnt, wer sich auskennt und kalkuliert. Warum eigentlich?

Wer mit 18 Jahren zuhause ausziehen will, der soll es tun – und da sie oder er mit dem BĂŒrgergeld ĂŒber die Runden kommen wird, brauchen wir kein Jugendamt, das prĂŒft, wie schlimm es denn in der Familie wirklich ist und ob die bösen Eltern unterhaltspflichtig bleiben. Vielleicht sollten wir dieses Recht aber nicht erst ab dem Moment zubilligen, wo jemand auch andere Menschen wehrbedingt erschießen darf, sondern frĂŒher. Wir sollten doch demjenigen, der strafmĂŒndig ist und in den Jugendknast wandern darf durchaus zubilligen, auch kriminalitĂ€tsverhindernd tĂ€tig zu werden. Wie man das im Detail regelt, können wir noch diskutieren – vielleicht muss jemand dann nachweisen, dass er zur Oma gezogen ist oder zu den Eltern eines Klassenkameraden. Aber wir sollten unsere jĂŒngeren MitbĂŒrger nicht solange fĂŒr unreif halten, ihr Leben teilweise selbst in die Hand zu nehmen, bis sie beim Bund dienen oder studieren.

Man kann dann noch diskutieren, ob jeder ErdenbĂŒrger den gleichen Betrag bekommt, oder ob MinderjĂ€hrigen weniger zusteht (wie in den meisten Modellen vorgeschlagen). Zumindest ab der VolljĂ€hrigkeit aber gibt es keinen Unterschied mehr, ob nun jemand noch SchĂŒler ist, Student, Auszubildender, Arbeiter, Vagabund oder Rentner: Jeder bekommt das Gleiche!

Mit dem BĂŒrgergeld lassen sich keine SprĂŒnge machen, aber es reicht eben auch, um durchzukommen – und mehr muss es nicht sein! Wenn sich damit aber neue Wohngemeinschaften bilden, wenn Leute ihr BĂŒrgergeld als Startkapital fĂŒr eine gemeinsames Projekt zusammenwerfen: wunderbar. Wenn sie es einfach nur versaufen: ihr Ding.

Mit dem BĂŒrgergeld werden die bisherigen Sozialversicherungen in ihrem sinnvollen Kern nicht ĂŒberflĂŒssig: Nichts spricht gegen die Arbeitslosenversicherung, wenn wir sie denn zeitlich begrenzen und damit endlich wieder bezahlbar machen. Wer aber dauerhaft keinen Job mehr findet, der muss sich mit dem BĂŒrgergeld abfinden – oder mit dem, was er privat gespart oder an individuellen Versicherungen abgeschlossen hat – das geht uns als Solidargemeinschaft nichts an.

Aber: die bisherigen vielfĂ€ltigen Extrazahlungen entfallen ersatzlos! Es braucht kein Wohngeld, wenn man damit nicht in Wahrheit Vermieter subventionieren will! Es braucht keine extra Zahlung zur Kommunion, weil man auch von dem bescheidenen BĂŒrgergeld etwas zur Seite legen kann, vor allem aber: man darf und soll ja selbst Geld verdienen. Ob das nun ein „Ein-Euro-Job“ ist oder eine TĂ€tigkeit nach Tarifvertrag sein muss – ein jeder darf es selbst entscheiden.

Auch bei der Rente mĂŒsste niemand mehr bevormundet werden, wie dies bisher geschieht. Unsere tĂ€glichen BILD-Schlagzeilen „Renten sinken!“ oder „MĂŒssen wir alle 50 Stunden arbeiten“ sind nur möglich, weil Politiker in ihrem Allmachtswahn alles entscheiden, was eigentlich der individuellen Freiheit zuzurechnen ist. Wieso wird beim Arbeitnehmer der Rentenbetrag vom Lohn abgezogen? Weil die Politik ihn fĂŒr zu dusselig hĂ€lt, selbst etwas auf die hohe Kante zu legen. So war das aber nie gedacht – wenngleich der Anspruch der Politik-Bosse, ĂŒber die Arbeit zu bestimmen und damit die Untertanen fest im Griff zu haben, uraltes Herrschaftsprinzip ist. Rentenzahlungen gab es ursprĂŒnglich mal ab dem 70. Geburtstag – bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von unter 40 Jahren und angesichts der harten Arbeitsbedingungen und primitiver Medizin ab einem Zeitpunkt, da der Mensch kaum noch produktiv sein konnte. Dementsprechend lag der Rentenbeitrag bei durchschnittlich 1,7%. Wer heute hingegen mit 60 in Rente geht, hat als Mann statistisch noch 19 Jahre zu leben, als Frau sogar 24 – Tendenz weiter steigend. Selbst die immensen 19% Rentenbeitrag – ĂŒber 1.000% Steigerung seit Bismarcks erster gesetzlichen Rentenversicherung fĂŒr Industriearbeiter von 1889 – reichen da schon lĂ€ngst nicht mehr. Doch anstatt zu der simplen Erkenntnis zu gelangen, dass wir so langes Nichtstun als Gesellschaft nicht finanzieren können – und erst recht auch nicht wollen – werden Kommissionen und Beratergremien eingesetzt, die letztendlich Gesetze vorzuschlagen haben, mit denen alles bleiben kann wie es ist. Vorgebliche Fachleute, die regeln sollen, was wir wollen – so wenigstens die demokratische Utopie! Das kann nicht gehen, wie jedes Kind weiß, aber Politiker halten es fĂŒr möglich, weil sie es glauben wollen, denn davon leben sie.

Wieso gibt es ein gesetzliches Rentenalter? Warum kann ich nicht – wenn schon RentenbeitrĂ€ge von meinem Geld abgezogen werden – völlig frei selbst entscheiden, wie lange ich arbeiten möchte? Der Auszahlungsbetrag lĂ€sst sich heute mit dem Computer doch exakt berechnen, abhĂ€ngig von den eingezahlten BetrĂ€gen und der statistischen Lebenserwartung.

Es ist okay, wenn wir gesellschaftlich beschließen, dass es Anreize fĂŒr die „Altersvorsorge“ geben soll. Aber ein System heutigen Ausmaßes ist dafĂŒr definitiv nicht notwendig. Das BĂŒrgergeld wĂŒrde auch hier eine solide Grundlage schaffen: denn es steht ja jedem zu, also auch nach der Erwerbsphase. Wer mehr haben möchte, kann Geld sparen, in Wohnungen investieren, Aktien kaufen oder eine private Rentenversicherung abschließen. Diese Freiheit sollten die 20- und 30-JĂ€hrigen fĂŒr sich einfordern: dass sie nicht jetzt schon fĂŒr irgendwann in vielen Jahrzehnten einmal zwangsweise zur Kasse gebeten werden, sondern dass sie jetzt ihr Gehalt voll in die Familie stecken, in das HĂ€uschen, die Wohnung, den Urlaub, was auch immer. Und wer mit 57 Jahren in den Sack hauen will, der kann ja selbst rechnen – und vielleicht auch an Zwischentönen Gefallen finden: noch ein wenig arbeiten, nur saisonal im Sommer auf Norderney.

Wer heute 1000 Euro Rente bekommt, hat etwa 2500 EUR monatlich verdient; mit dem LebensgefĂ€hrten zusammen steht mit dem BĂŒrgergeld genauso viel zur VerfĂŒgung, und das zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Wer deutlich mehr erhĂ€lt, hat auch deutlich mehr verdient – und sollte in der Lage sein, selbst fĂŒr sich zu entscheiden. Die AbhĂ€ngigkeit der Familienmitglieder ist ja dank ihres eigenen BĂŒrgergelds gemindert.

NatĂŒrlich fĂ€ngt das BĂŒrgergeld keine Katastrophen auf. Das muss an anderer Stelle geregelt werden:

Wer mit seiner Firma gerade den Bach runter geht, der muss im Interesse des Gemeinwohls Hilfe erfahren, also den Unternehmensberater gestellt bekommen, wenn er es denn möchte. Schließlich ist es nicht unser Interesse, dass irgendwer Pleite macht – aber es ist auch nicht unser Interesse, unrentable Unternehmungen zu stĂŒtzen (wie dies bei der Ich-AG mannigfach der Fall ist), es sei denn, wir entscheiden uns frei dazu – und wollen eben billigen oder gar kostenlose Nahverkehr, einen Bauernhof im Dorf oder musikalische Bildung fĂŒr alle. Solange dies die Entscheidung der MitbĂŒrger ist, die es betrifft, und nicht eine bĂŒrokratische Entscheidung, soll es gut sein. HierfĂŒr mĂŒssen die Bezirksparlamente deutlich gestĂ€rkt und komplett neu besetzt werden, zu BĂŒrgerrĂ€ten werden, aber dann sollen sie das alles machen dĂŒrfen. Wir mĂŒssen nur ganz dringend weg von der Idee, eine bundeseinheitliche Gesetzgebung und Rechtsprechung wĂ€re in der Lage, jeden individuellen Fall formal-gerecht zu erfassen und zu behandeln.

Stattdessen braucht es eine Solidargemeinschaft, die die großen SchicksalsschlĂ€ge gemeinsam trĂ€gt. Dazu gehört die Krankenversicherung (im nĂ€chsten Kapitel ausfĂŒhrlich): Völliger Humbug, sie nicht fĂŒr alle Lebensbereiche gelten zu lassen. Warum ist eine andere Versicherung fĂŒr UnfĂ€lle auf dem Weg zur Arbeit zustĂ€ndig, wieder eine andere, wenn ich mich bei der ehrenamtlichen VereinstĂ€tigkeit am Nachmittag verletze? Bezahlt werden muss es eh, aber wir können es billiger haben, wenn wir auf viele Verwaltungen und ihre Abteilungsleiter und Direktoren verzichten. Eine Krankenversicherung braucht jeder, also bekommt sie auch jeder, steuerfinanziert und selbstverstĂ€ndlich mit Eigenbeteiligung. Eine Haftpflichtversicherung braucht ebenfalls jeder, also gibt es auch die automatisch. Sie kostet fast nichts und hilft ja keineswegs nur dem „Schadenverursacher“, sondern auch dem Opfer, das bei einem nicht Versicherten schnell in die leere Röhre schaut, Anspruch hin oder her. Also: Haftpflicht fĂŒr jeden, da braucht es dann auch kein einziges Formular fĂŒr. Ebenso fĂŒr die Rechtsschutzversicherung: eine Basisausstattung ist hier lĂ€ngst nötig, um wieder „Waffengleichheit“ herzustellen. Heute genĂŒgt ja schon das Drohen mit einer Klage, die von der Rechtsschutzversicherung ĂŒbernommen wird, und der Gegner knickt ein. NatĂŒrlich braucht es hohe HĂŒrden, was eine Rechtsschutzversicherung ĂŒbernimmt – also hier: der Staat an Kosten trĂ€gt – wie es im ĂŒbrigen auch viel höhere HĂŒrden braucht, was ein Gericht verhandelt und was es als Lappalien oder Kindereien oder einfach nicht justitiable Streitereien ablehnt. Und Schließlich muss es noch die „Lebensversicherung“ geben, also eine „Hinterbliebenenzahlung“ fĂŒr Familienangehörige, gestaffelt nach Alter des Verstorbenen. Auch hierfĂŒr gilt: kein Formular, keine Eingangsuntersuchung, nichts. Stattdessen: Gerechtigkeit. Wer mehr will, kann weiterhin nach Lust und Laune Versicherungen abschließen, aber die Grundsicherung liegt uns gemeinschaftlich am Herzen.

Auch Steuerberatung kann keine Frage des persönlichen Investments sein. Wenn es denn zu schwierig ist, selbst die SteuererklĂ€rung mit dem richtigen Ergebnis zu liefern, dann muss die Beratung dafĂŒr selbstverstĂ€ndlich vom Staat gezahlt werden, der ja schließlich die Gesetze gemacht hat und von uns Kohle haben will.

All diese sozialen Absicherungen, die der Staat ĂŒber seine FinanzĂ€mter erledigt, sollen dafĂŒr sorgen, dass niemand zu tief fĂ€llt, wenn es sich vermeiden lĂ€sst, dass Grundrisiken gemindert werden, wobei das BĂŒrgergeld die einzig frei verfĂŒgbare Komponente ist (man kann also natĂŒrlich nicht auf die Lebensversicherung verzichten und dafĂŒr monatlich mehr bekommen). Das ist dann möglicherweise ein sozialer Staat. Im Übrigen hat die hier vorgeschlagene Sicherung nichts mit der „BĂŒrgerversicherung“ zu tun, mit der uns die grĂŒne Politik nervt. Sie will einfach nur alle zu Zahlungspflichtigen fĂŒr ein bestehendes, marodes Krankenkassensystem machen. Das ist quadrierter Quatsch. Es gibt eine personengebundene Einnahme des Staates, das ist die Einkommensteuer, und damit muss alles abgedeckt sein, was der Einzelne verdienstabhĂ€ngig aufzubringen hat – oder eben auch im negativen Fall, was der Einzelne zu erhalten hat.

Das BĂŒrgergeld macht mich frei zu studieren, Praktika zu absolvieren, durch die Welt zu reisen – und das alles wird mich stĂ€rken und motivieren, weiter zu kommen. Die wenigen, die nicht Feuer fangen und meinen, es ließe sich auch dauerhaft gut mit dem BĂŒrgergeld leben – die sollen es tun, denn sie tun es bisher auch schon, nur mit einer grĂ¶ĂŸeren VerfĂŒgungsmasse – eben den vielen verschiedenen beziehbaren Transferleistungen – bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Isolation.

Den grĂ¶ĂŸten Skeptikern möchte man zurufen: Lasst es uns doch wenigstens mal probieren! Schließlich gab es das noch nie, es ist doch einen Versuch wert! Nur: diskutiert es nicht mit Politikern, GewerkschaftsfunktionĂ€ren, Krankenkassenvertretern, Rathausmitarbeitern – kurz allen, die vom bisherigen System profitieren, die ihre Macht, ihre berufliche Existenz nur dem bisherigen System der totalen Überwachung verdanken, indem die Briefmarken nachgezĂ€hlt werden, die ein Arbeitsloser auf seine Bewerbungen geklebt haben will, und in dem der Sozialamtsmitarbeiter zu Hause einen Liegetest im Ehebett macht, um zu prĂŒfen, ob man darin noch schlafen kann oder ob es ein neues Staatsbett braucht. Sie werden es einen „Anschlag auf den Sozialstaat“ nennen, was in Wahrheit nur ein Ende der Bevormundung ist.

. . . . . .

Auszug aus:

Timo Rieg Verbannung nach Helgoland (bei amazon) Reich & glĂŒcklich ohne Politiker – Ein Masterplan fĂŒr alle Stammtische und Kegelclubs draußen im Land Hardcover, 320 Seiten, EUR 13,50 ISBN 3-928781-11-1

25.07.2007

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