Neues Gesetz verbietet das Sterben

25. August 2010

“Rufe nach schärferen Hygiene-Kontrollen” steht in der Subheadline unter “Dritter Säugling gestorben” – der Aufmachermeldung der Zeitung von heute. Welch ein erbärmlicher Aufhänger!

Jährlich sterben bis zu 40.000 Menschen in Deutschland, weil sie sich im Krankenhaus infizieren! 9 Jahre, und da ist ganz Bochum weggestorben. das weiß man seit Ewigkeiten – und nimmt’s hin (die Initaitive Nachrichtenaufklärung hat es z.B. abgelehnt, darin ein vernachlässigtes Thema zu sehen). Aber bei drei toten Babys, die ohne High-Tech-medizin ohnehin nicht einen Tag gelebt hätten, wird nach schärferen Kontrollen, neuen Gesetzen, Vorgaben, Überprüfungen gerufen.

So leid’s mir tut: Fehler passieren. Der fehlerfreie Mensch ist ein grotesker Roboter. In weiten Teilen haben wir den schon. So habe ich jüngst ein Altenheim besucht, in dem die Mitarbeiterinnen notieren müssen, was ihre pflegebedürftigen Patienten trinken. Sie müssen ernsthaft jeden einzelnen Schluck notieren! Hintergrund ist eine Klage von Angehörigen nach dem Tod einer Bewohnerin, die auf dem Vorwurf baute, man habe die Frau innerlich vertrocknen lassen. Auf die Idee, dass alte, bettlägrige Menschen irgendwann mal sterben, kommt niemand – schon gar nicht Angehörige, die die Pflege ja schließlich delegieren, damit der Tod außen vor bleibt. Könnte es wichtiger sein, jemandem die Hand zu halten, als Formulare auszufüllen?

Sicherlich wird in Krankenhäusern geschlampt. Noch viel sicherer ist aber ein ohnehin kranker oder verletzter Mensch anfällig für Infektionen. Und ein großer Teil der Patienten, die in Krankenhausbetten rumliegen, gehören nach Hause und dort versorgt – das wäre die menschlichere und preiswertere, aber für Krankenhausbetreiber natürlich uninteressante Variante.

Man könnte auch auf die Idee kommen, dass die entwürdigenden Mehrbettzimmer, in denen drei oder Mehr Menschen vor sich hin röcheln und dünsten, einer Gesundung nicht zwingend zuträglich ist.

Aber nein. In Deutschland fordert man Gesetze und Kontrollen bzw. als Gewerkschaft mehr Personal und als Unternehmer mehr Geld.

Share

Tags:

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Tageskommentare

Tucholsky der Frühwarner

“Viel früher als die meisten anderen hat die Verwerfungen nach dem Ende des Kaiserreichs und der Revolution von 1917/18 begriffen. Tucholsky, jetzt...
Weiterlesen »

Keine zweite Chance

Für welche Taten genau Menschen für immer aus dem gesellschaftlichen Verkehr gezogen werden sollen, muss diskutiert werden – aber dass es immer ein Recht...
Weiterlesen »

Beifang Hirn

Die Europäische Union ist ein immer wieder küssenswertes Verwaltungsmonster. Es ist ziemlich egal, WIE sie etwas regelt, hauptsache sie regelt es ÜBERHAUPT. So ist...
Weiterlesen »

Datenschutzstaffel

Ein unabhängiges Datenschutzzentrum, das Bußgelder verhängen darf – das ist doch schon ein Witz in sich, oder? So wie das mit allen “Anstalten des...
Weiterlesen »

Die öffentliche Wohnung

Aus der Reihe “Wenn Deutschland eine Demokratie wäre …” – dann läge die Hürde für eine Verletzung der Privatsphäre Wohnung – immerhin in Art....
Weiterlesen »