Von den “bahn.comfort”-Schnorrern

Komfort war das erste, was die ehemaligen Staatsunternehmen eingeführt haben, als sie – auf dem Papier – privat wurden. Mein erstes Telekom-Telefon war ein “t-comfort”, auch beim Anschluss ließ ich mich von diesem Begriff locken. Die tatsächlichen Annehmlichkeiten erschöpfen sich dann jedoch schnell in der Aufschrift.

So auch bei der Bahn, meinem liebsten und teuersten Ex-Staatsbetrieb in staatlicher Hand – der einzige, den man nicht meiden kann. Als Vielfahrer (Bahn Card 100) hält die DB im Fernverkehr einige Plätze für  mich und meinesgleichen bereit und beschriftet diese im Reservierungsfeld mit “bahn.comfort”. Zusätzlich weisen Aufkleber an den Wagonwänden darauf hin, dass diese Plätze für bestimmte Fahrgäste reserviert sind, nämlich “bahn.comfort”-Kunden. Diesen “Kundenstatus” erreicht man ab einem Jahresumsatz von 2.000 Euro. Der Sinn: wer viel und damit auch spontan fährt, soll ohne eigene Reservierung einen Sitzplatz finden – in komfortabler Umgebung.

Die Sitze unterscheiden sich  in ihrer Grundausstattung bei Betriebsbeginn überhaupt nicht von allen anderen. Nur ab dem ersten Bahnhof ändert sich das: dann werden diese Plätze nämlich fast garantiert belegt – aber nicht etwa von den mit diesem Komfort beworbenen Kunden, sondern von einer Koalition aus Kack-Dreisten und Strunz-Dummen. Letzte geben glaubhaft vor, nicht lesen zu können und Applaus dafür verdient zu haben, nicht den Platz des Lokführers eingenommen zu haben (“weg da, ich bin schwerbehindert”). Erstgenannte tun gerne auch jedem sitzplatzsuchenden Mitreisenden ihre Strategie kund: “Das ist zwar für Bahnkomfort-Kunden, aber da kommt ja nur selten jemand, also ich musste meinen Platz noch nie aufgeben, da können Sie sich ruhig hinsetzen.”

Was also ist Komfort? Dass ich als Vielfahrer mit einem 4.000 Euro-Ticket das Recht habe, Fahrgäste auf bahn.comfort-Plätzen zu fragen, ob sie berechtigte Kunden sind, und sie im Verneinungsfalle zu bitten, den Sitz für mich freizugeben? Das wäre eine unzumutbare Prozedur. Deshalb erklärt die DB diese (wenigen) Sitzplätze auch als exklusiv ihrer treuesten und wertvollsten Kundengruppe vorbehalten.

Doch Dank der Schnorrbacken sitzt man im bahn.comfort-Bereich gerade nicht komfortabel unter seinesgleichen. Es sind überwiegend die gewieften Gelegenheitsfahrer mit Sparpreisticket, die sich über bahn.comfort-Plätze eine Reservierung sparen  (und in vollen Zügen am Wochenende mit der nötigen Dreistigkeit die Strunz-Dummen von den Plätzen  vertreiben, um sie selbst einzunehmen). Man sitzt als Business-Kunde zwischen Studenten, Omas und Alleinverziehenden Müttern mit Blag, zwischen Nonsens-Telefonierern und Schweißfuß-Hochlegern, Schwätzsüchtigen, Schnäppchenjägern und Desperate Housewives-Mutanten.

Ja, es wäre Komfort, wenn der Sitzplatz neben mir frei bleibt, solange der Zug nicht restlos belegt ist. Es gehört auch zum Komfort, die Wahrscheinlichkeit zu reduzieren, dass ein Stuttgarter oder gar – fuck of political correctness – Wiener Pärchen Senioren den Äther akustisch beschlagnahmt. Ich hätte auch nichts dagegen, keinen Nachbarn zu habe, der in bester Picknick-Manier hartgekochte Eier aus einer Tupper-Box holt, andächtig-langsam schält und dann mit einem gegen  den Erstickungstod ankämpfenden Schnaufen verzehrt.

Und natürlich denkt man als Vielfahrer auch bahn-ökonomisch, ist daran interessiert, dass die DB ihre Gewinnmargen nicht nur mit uns erzielt. Jeder Bahn-Comfort-Platz-Schnorrer ist ein Reservierungsentgeldpreller. Wenn man nur die Hälfte der Kack-Dreisten und Strunz-Dummen durch konsequente Komfortplatz-Vergrämung künftig zur kostenpflichtigen Reservierung erziehen könnte, dürfte das grob geschätzt mindestens 20 Millionen Euro pro Jahr erbringen.

So aber belohnt die Bahn die Dummen und Dreisten und verärgert die Stammkundschaft.

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