Generation Couch-Potato – unverbindlich und unengagiert

„Mal schauen, ich weiß noch nicht, ob ich da Zeit habe.“ So kommt die neue Unverbindlichkeit daher. Oder was heißt neu – ist sie das? Zumindest ist sie heute allgegenwärtig, und das inzwischen altersübergreifend. Mal schauen, kann sein, ich denke schon, aber ich weiß noch nicht – alle Möglichkeiten offen halten. Schon ist von der „Optionsgesellschaft“ die Rede.
In der Jugendarbeit spüre ich das besonders stark – und wie viele Hauptamtliche dagegen anzugehen versuchen, halte ich – inzwischen – für völlig verkehrt: nämlich den Jugendlichen alles vor den Arsch zu tragen, damit sie mit dem geringst möglichen Aufwand und der größt möglichen Unverbindlichkeit noch mitmachen, gar mit“arbeiten“ können.
Ich habe früher gefordert, dass es in jeder Kirchengemeinde eine eigene Jugendvertretung geben sollte. Und erst recht natürlich in jedem Dekanat / Kirchenkreis und ganz erst recht auf den Ebenen darüber. Einige habe ich selbst initiiert. Doch wenn ich sehe, wie solche (Überreste von) Jugendvertretungen heute aussehen, wie sie am Leben erhalten werden, dann sage ich klar: lieber keine als eine solche Pseudo-Partizipation.

Vielleicht lag ich da auch schon immer falsch, hatte einen getrübten Blick, weil die Gemeinde, in der ich Jugendarbeit kennengelernt, gestaltet und weiterentwickelt habe, eine besondere war? Und die Feuerwehr und die Schülerzeitung auch? Jedenfalls sind wir immer ohne hauptamtliche Unterstützung ausgekommen – gar nicht, weil wir etwas dagegen gehabt hätten – in die Verlegenheit kamen wir schlicht nicht: der Dekanatsjugendreferent war weit weg und hatte genug anderes zu tun (und war unserer sehr selbständigen Gemeindejugendarbeit auch nicht so wohlgesonnen), der Pfarrer war zwar ein Strippenzieher, aber kein „Servicedienstleister“, und er hat uns einfach auch viel zugetraut.

Wenn ich mir jetzt hingegen Jugendvertretungen anschaue, dann sind da hauptamtliche Jugendreferenten, die die Jugendlichen durch die Gegend fahren, damit diese all ihre vielen wichtigen Termine wahrnehmen können, von einem Wochenendseminar wenigstens einen Nachmittag mitnehmen können; da werden Einladungen von den Erwachsenen geschrieben, das angebliche Jugendmitarbeiterfest komplett von Hauptamtlichen vorbereitet und gestaltet. Nicht anders übrigens im Jugendparlament, dessen Mit- oder gar Selbstbestimmung darin besteht, dreimal im Jahr für ein Wochenendseminar wegzufahren und unter pädagogischer Betreuung irgendeine gesellschaftlich erwünschte Aktion zu entwickeln. Dieses Engagement kann man sich dann sogar ins Schulzeugnis schreiben lassen.

Das bringt nichts. Weil so die Welt nicht funktioniert. Es gibt nicht immer jemanden, der für einen die Arbeit macht, die Ideen vorbereitet, das Bett aufschüttelt. Doch dieser Eindruck wird oft vermittelt.
Als ich jüngst in einem Mitarbeiterkreis darlegte, warum wir im vergangenen Jahr kein Sommerfest gemacht haben, weil nämlich in all den Jahren immer sämtliche Arbeit an zwei Leuten hing, meldete sich ein Jugendlicher empört zu Wort, das stimme gar nicht, er habe auch manchmal Thekendienst gemacht. So jemandem ist nicht zu vermitteln, dass es nicht darum geht, am Festtage selbst ein paar Stunden mal mitanzufassen, sondern dass in Vor- und Nachbereitung mindestens 100 Stunden stecken und irgendwer sich über lange Zeit verbindlich um das Projekt kümmern muss. Dass es eben nicht mit drei Stunden Thekendienst getan ist – einem Thekendienst im übrigen, von dem man erst im Nachhinein weiß, dass er auch tatsächlich Dienst tut, weil auf die Zusage keinerlei Verlass ist.

Die Facebook-Abhängigkeit vieler Jugendlicher passt da genau ins Schema: überall dabei sein, nichts verpassen, von allem etwas mitbekommen – da bleibt kein Raum für Kreativität und Verantwortung, da ist nicht vorgesehen, sich wenigstens für eine fest begrenzte Zeit mal für eine Sache zu entscheiden – und die hundertprozentig zu machen. Sie überhaupt zu machen. Nicht zu liken.

Wenn eine Jugendvertretung nur „funktioniert“, indem Erwachsene (meist Hauptamtliche) ihre Mitglieder hofieren, dann taugt sie nicht. Wenn jemand nicht bereit ist, für ein ihm angeblich wichtiges Anliegen die notwendige Zeit zu investieren, dann soll er es besser ganz lassen.

Aber da sich Hauptamtlichkeit insbesondere über die Zahl der gewonnenen und „gehaltenen“ Ehrenamtlichen legitimiert, ist die Versuchung groß, sich zum Narren zu machen. Und es gibt wenig Mut, Entscheidungen zu verlangen. Wer eine Kinder- oder Jugendgruppe leitet, sollte selbst daran interessiert sein, sich fortzubilden, sich neuen Input zu holen, sich mit anderen Mitarbeitern zu vernetzen, Zeit in das Hobby zu investieren, damit es auch gut läuft, Spaß macht, verantwortbar ist. Doch wenn das jemand gar nicht will, kein Seminar belegt, zu keinem Leitertreffen geht, weil er so viele andere Dinge „zu tun hat“, so viele Partys und Feste und Filme und Spiele und Facebook-Kontakte, – sollte man ihm sagen: dann lass es halt bleiben mit der Kindergruppe.

In der gesamten Jugendarbeit wird derzeit um Kinder und Jugendliche geworben, gebettelt, gewetteifert. Weil die Jugendfeuerwehr keine Jugendlichen mehr hat, gründet man die Löschdrachen oder Feuer-Bambini, weil Pfadfinden als uncool gilt, werden „Biber-Gruppen“ mit Kindergartenkindern gestartet. Und überall wird natürlich das Gleiche geboten bzw. überboten: wir machen Ausflüge, wir kochen, wir spielen, wir basteln ein Vogelhäuschen, wir schauen uns auch mal einen Film an. Alles in der Hoffnung, die Kinder zu halten und dann irgendwann für „das Eigentliche“ zu gewinnen. Und sie später als Jugendliche die Dinge selbst in die Hand nehmen zu lassen. Das klappt nicht, nur in Ausnahmefällen, am ehesten noch beim Fußball.

Die völlig groteske Situation heute ist doch: Mütter müssen ihre Pubertisten treten oder einfach gegen ihren Willen zu einer Jugendfreizeit anmelden, damit sie mal rauskommen, anstatt dass die Jugendlichen bitten und betteln, da mitfahren zu dürfen. Weil es zuhause so bequem ist. Man hat alles und muss nichts tun. Entstanden ist Jugendverbandsarbeit natürlich mal ganz anders: da wollten junge Leute endlich raus und gemeinsam was erleben.

Das wird sicherlich auch wieder kommen. Denn glücklicher als vorangegangene Generationen wirken die heutigen Jugendlichen wahrlich nicht (FB Status gestern: „Chillen bei Megges am Hbf“, FB Status heute: „Chillen bei Mägges im Ruhrpark“…). Aber dann müssen diese Jugendlichen ihren eigenen Weg finden – und ihn vor allem selber gehen, mit Gepäck, mit Irrungen und Wirrungen – nix Taxi Mama, Sessellift oder weiß der Kuckuck was.

Das Entscheidende, was Jugendarbeit immer vermittelt hat – ohne dass jemand dazu ein pädagogisches Konzept erarbeiten muss: die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Zukunft als Gestaltungsraum und nicht als Schicksal zu betrachten, sich gemeinsam für etwas einzusetzen. Und sei’s auch mal nur eine Party. Aber eben eine, die man selbst macht. Nicht der Event-Veranstalter. Und nicht der Kreisjugendreferent. (Tg)

PS: Wer sich für das grundlegende Thema „Hauptamtliche in der Jugendarbeit“ interessiert – hier gibt es einen Aufsatz von mir dazu aus der dj.

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