Erkennbare, glaubwürdige, fröhliche Kirche

Seit rund 20 Jahren erlebe ich in der evangelischen Kirche nun “Strukturdebatten”, dringend notwendige Verwaltungsreformen, gebotene Reaktionen auf die gesellschaftlichen Veränderungen… Viele “Prozesse” hatten klangvolle Namen (“Kirche mit Zukunft”, “Kirche der Freiheit” und derzeit “Kirche im Aufbruch”…), an einigen kleinen Stellen habe ich mitgearbeitet (unter anderem durch die redaktionelle Betreuung  eines Buches, das die Reihe netter Titel um den Reformruf “Kirche mit Profil” erweiterte) – aber zufriedenstellende Veränderungen gab es nirgends.

Alle Diskussionen, die ich aktuell noch zu “Kirchenreformen” führe, zu grundlegenden Veränderungen in Kirchenverfassungen, zur Klerikalisierung des Protestantismus, zu dem unendlichen Gezerrre um Fusionen von Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und ganzen Landeskirchen, all diese Diskussionen stoßen immer wieder auf die selben drei Fragen, die ich schon 1998 im Buch “Mehr Kirche” formuliert habe. Transparenz, Mitgliederbeteiligung, Ziele von Strukturveränderungen – auf drei Fragen muss es klare Antworten geben:

1. Sind wir als Kirche erkennbar?
2. Sind wir als Kirche glaubwürdig?
3. Sind wir als Kirche fröhlich?

(Der nachfolgende Text ist von 1998)

Erkennbare Kirche

Erkennbare Kirche zu sein verlangt zum einen ganz banal, überhaupt in Erscheinung zu treten: Ob durch hohe Kirchtürme oder buntes Leben, Dienstleistungen oder Verlautbarungen. Zum anderen ist damit aber auch die Differenzierung zu anderen gemeint: Ist das, was erkennbar ist, auch (evangelische) Kirche?

Den zweiten, und zunächst wichtigeren Aspekt, muss man nicht überstrapazieren. In den meisten Fällen herrscht undebattierter Konsens: Der Basar ist eine kirchliche Veranstaltung, ebenso das Gemeindefest, der Krabbelkreis und die Selbsthilfeinitiative, die Jugendgruppe und die Jungschar. Dass es viele dieser Veranstaltungen auch außerhalb der Kirche gibt, macht sie nicht unkirchlich. Unsere Veranstaltungen sind kirchlich, weil sie von Menschen getragen werden, die an diese Kirche glauben, die christliche Motivation haben, das Evangelium ernst zu nehmen und auf ihre je eigene Weise in diese Welt zu tragen. Es ist eben das wunderbare, dass man mit Jugendlichen auf einer kirchlichen Sommerfreizeit singen und beten kann; dass in unseren Gottesdiensten Bürgermeister und Rechtsanwalt und Lehrerin und Schülerin und alle anderen gemeinsam sprechen: »Und vergib uns unsere Schuld.«

Wie erkennbar Kirche in unserem Handeln ist, zeigt sich aber gerade nicht in erster Linie im gottesdienstlichen Bereich, sondern in unserem gemeindlichen Alltagsleben. Was Kinder und Jugendliche auf der Freizeit insgesamt erleben, mit welcher Stimmung und welchen Eindrücken sie nach Hause kommen, prägt ihr Kirchenbild. Zu was sich Kirche vor Ort äußert und zu was nicht, wie sie durch neue Bauwerke oder Mitarbeiter in Erscheinung tritt, entscheidet über das Kirchenbild. Wenn sich Menschen bei uns wohlfühlen, wenn sie bedingungslos angenommen und gewollt sind, können sie Kirche erkennen (und, wenn sie dann möchten, erfahren). Damit wird das, was von Kirche erkennbar ist, zum Prüfstein ihrer Glaubwürdigkeit.

 

Glaubwürdige Kirche

Die Glaubwürdigkeit unseres Handelns muss sich in erster Linie am Evangelium messen lassen: Ist die Bergpredigt nur was für gute Zeiten, oder der Weg in bessere Zeiten? Das Liebesgebot (Mk 12,30-31) – nur eine Floskel oder Lebensmotto?

Kirchliche Glaubwürdigkeit muss sich auch messen lassen an unseren Verlautbarungen – und da steht die Ortsgemeinde für die gesamte Organisation gerade: sowohl für das, was kirchlich gesagt oder nicht gesagt wird, als auch für das, was kirchlich getan oder unterlassen wird.

Es geht aber vor allem darum, wie sehr wir Kirche in dieser Welt sind. Denn das genau ist doch die große Chance: Dass wir nicht nur Worte zu verkündigen haben, sondern Taten folgen lassen. Dazu hat sich das Diakonische Werk gebildet, die Sozialstationen und Inneren Missionen, kirchliche Schulen und Jugendhäuser, Akademien, Beratungsstellen und, und, und.

Die Prüfung erfolgt zwangsläufig vor Ort. Dort sieht es dann nicht selten düster aus: Wer die berüchtigte »Kirche nach innen« kennt, ist entweder abgebrüht oder entsetzt. Die Nickligkeiten der Pfarrer untereinander, das Gebaren von Vorgesetzten, die Zwistigkeiten zwischen dieser und jener Gruppe in einer Gemeinde spotten jeder Beschreibung.

Oder die anderen Alltäglichkeiten: Sich mit Recyclingpapier den Hintern zu wischen ist zwar nicht der Inbegriff evangelischen Profils. Über bahngünstig gelegene Tagungsorte, Gemeindefest-Bratwürstchen von artgerecht gehaltenen Schweinen oder fair-gehandelte Produkte in unserem Gemeindeleben aber nichteinmal mehr zu reden, ist eine Kapitulation. Der konziliare Prozess sollte mehr sein als nur etwas für theologische Promotionen und Habilitationen.

Vor Ort stehen aber auch die großen Herausforderungen: Auf allen möglichen Synoden entrüstet sich Kirche über Kinderprostitution und Kinderpornographie. Und doch geschieht all dies nicht nur weit weg in Thailand, sondern in unseren parochialen Gemeinden: Hier wird geschlagen, gedemütigt, geschunden. Oder die anderen großen Herausforderungen: Die kaputten Familien leben in unseren Gemeinden, ja sie sind unsere Gemeinden, ihre Kinder besuchen Gruppen dieser Ortsgemeinde. Arbeitslosigkeit ist in der Parochie nicht nur ein Thema, sondern real existierende Katastrophe. Dass Bischöfe und Präsides Arbeitslosigkeit beklagen, hilft wenig – angesichts der kirchlichen Personalpolitik wirkt es schizoid.

Wer an dieser Stelle sagt: »Wir können uns doch als Kirche nicht um alles kümmern« verspielt die Glaubwürdigkeit seiner Kirche. Wer sich stattdessen in einer ruhigen Stunde genau diese Probleme vor Augen führt, versteht, dass Jesus zu uns sagen können muss: »Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.« (Mt 25,36)

Damit sind – zugegeben – die Anforderungen an Kirche unendlich, unsere Fürbitten geben davon beredt Zeugnis. Mit unseren Reaktionen darauf steht und fällt die Kirche. Die pragmatische Begründung lautet: Weil in dieser säkularen Welt sonst bald niemand mehr weiß, wozu er Kirchenmitglied ist. Die inhaltliche Begründung lautet: Weil wir Gottes Zuspruch nicht erfahren, um auf Mallorca selig zu werden, sondern um in dieser Welt zu widerstehen.

 

Fröhliche Kirche

Trotz dieser immensen Anforderungen brauchen wir keine Trübsal zu  blasen. »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde« (Koh 3,1) – auch der Urlaub auf Mallorca.

Fröhlichkeit ist nicht mit satter Zufriedenheit zu verwechseln. Gerade Schwieriges können wir frohen Mutes angehen. Meistens sieht es jedoch anders aus: Obwohl eher Routine als Weltbewegendes auf dem Programm steht, haben wir hängende Köpfe und ernste Gesichter. Wo immer Jugendliche zum Gottesdienst gefragt werden, lautet eine Kritik: »Unter ‘feiern’ verstehe ich etwas anderes.« Und die langen, ernsten Gesichter machen wir nicht nur im Gottesdienst.

»Wir stehen heute in der Gefahr, zur versessenen Kirche zu werden. (…) Das meint die Bibel nicht, wenn sie das Volk Gottes, ihre Kirche, ‘wanderndes Gottesvolk’ nennt.«  Mit dieser Mahnung in seinem letzten EKD-Ratsbericht (2. November 1997)  meinte Landesbischof Klaus Engelhardt wohl beides: unsere Freudlosigkeit und unsere Trägheit – mit starker Disposition für Hämorrhoiden. Das Sinnbild stimmt: Wahre Sitzungsmarathons absolvieren alle, die in der Kirche wichtig sind. Nichts geht ohne Beschluss. Das ist nicht einfach eine Frage der Organisation – es ist eine Frage der Atmosphäre, der Grundstimmung. Eine fröhliche Kirche arbeitet mit Vertrauen, mit Ermutigungen, mit Dank und Herzlichkeit. Sie ist damit gerade keine »Ersatzfamilie« oder gar eine »Kuschelkirche«. Sie ist vielfältig, mit Freude am Kleinod, den unzähligen Gruppen, Projekten und Aktionen.

 (aus Timo Rieg: Mehr Kirche, biblioviel Verlag 1998)

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