Pfarrer – die besseren Menschen?

Müssen Pfarrer bessere Menschen sein? Die Frage habe ich schon vielen Pfarrern gestellt – und sie wird von den Würdenträgern selbst meist verneint. Das sehe ich anders. Was immer man unter schlechten, guten und besseren Menschen verstehen mag – Pfarrer sollten sich sehr wohl in einigen Dingen hervorheben, sie sollten positiv auffallen, sich unterscheiden, Vorbild sein. Weil sonst aus Hirte und Herde Bock und Garten werden – um die Sprüche mal angemessen zu verballhornen.

Pfarrer sollten ausstrahlen, was sie glauben. Das bräuchten sie dann auch nicht Sonntag für Sonntag in umständliche bis langatmige Worte zu packen (und es wäre sonntags mehr Zeit für Spiritualität). Ein Pfarrer, der an das ewige Leben glaubt, wird reichlich entspannt durchs Diesseits schreiten können. Ein Pfarrer, der sich ständig beobachtet von seinem Schöpfer weiß, wird sein Verhalten im Griff haben und ansonsten große Reue zeigen für Fehltritte, Fehlgriffe oder Misstöne.

Nun kenne ich halt wirklich viele Pfarrer. Und die meisten sind erschreckend „normal“. Es gibt einige wenige sehr beeindruckende, charismatische, überzeugende Persönlichkeiten. Meine persönlichen EKD-Leuchtfeuer quasi (Verballhornung 2). Es sind darunter aber auch Lügenbeutel und Choleriker, Angsthasen und Pfeffernasen, Steuerbetrüger und Raubkopierer, Beziehungsunfähige und Herrschsüchtige, Rechthaber und Nachtreter. (Kurz habe ich überlegt, ob sich das wohl statistisch fassen lässt – aber bei den mir bekannten Nicht-Pfarrern wird es zu schwierig für valide Daten.) Dass jeder seine Stärken und Schwächen hat – geschenkt. Das ist das „Menschliche“, das von Theologen immer so geschätzte Unperfekte. Aber es sind schon zahlreiche wirklich unangenehme Typen darunter (und in einigen Fällen kann ich hundertprozentig ausschließen, dass diese Sichtweise auf Gegenseitigkeit beruht, weil ich mir vom ein oder anderen Exemplar während beruflicher Recherchen ein Bild machen musste).

Was diese Pfarrer wirklich glauben weiß ich natürlich von den wenigsten (aber von einigen weiß ich eben doch, dass sie – an und in ihrem Job leidende – Agnostiker sind, – und das sind erschreckenderweise nicht gerade die unausgeglichen Wirkenden), und es kann mir im Zweifelsfall auch herzlich egal sein. Entscheidend ist, was sie vermitteln (nicht was sie sagen oder zur Schau stellen!).

Und da entsetzt es mich seit vielen Jahren, dass viele Pfarrer für sich – oder ihre diskutierten Kollegen – in Anspruch nehmen, „ganz normal“ sein zu dürfen. Dann braucht es nämlich schlicht keine Pfarrer. Fehlerbeladen oder in ihrer Sprache „sündig“ dürfen sie natürlich sein, müssen sie sein. Und es ist notwendig dazu zu stehen.

Aber das wäre dann schon der erste deutliche Unterschied zwischen angeblichen „Hirten“ und „Herden“ (ich finde die Begrifflichkeit schon immer für Mensch-Mensch-Beziehungen völlig unpassend und daher die Bezeichnung „Pastor“, die ich erst in Bochum kennengelernt habe, befremdlich, wiewohl das Wort schön klingt), also besser zwischen Priester und Gemeindemitgliedern: dass ein Pfarrer als Vorbild im Glauben auch vorbildlich seine Sünden bekennt. Ich hab’s da gerne eine Nummer kleiner, und ich wäre vollauf zufrieden, wenn Pfarrer hin und wieder eingestehen könnten, in einer Ansicht falsch gelegen oder in einer Angelegenheit falsch gehandelt zu haben, gar jemandem Unrecht getan zu haben. Je höher ein Pfarrer in der Kirchenhierarchie steht, um so schwererwiegend sind – rein statistisch gesehen – seine Fehler, aber zeigen Sie mir denjenigen  in  einem leitenden Amt, der regelmäßig Fehler zugibt, nicht so wischiwaschi in einer Predigt, sondern ganz konkret „ich habe gefehlt“ oder gar „gesündigt“).

Wenn Pfarrer glaubten, was sie verkündigen, sollte ihnen das leichter fallen als anderen Menschen. Sie haben es lang und breit studiert, intensiv trainiert, und sie können sich mit verständnisvollen Amtsgeschwistern austauschen.

Aber unabhängig vom Schuldeingeständnis erwarte ich von Pfarrern schon, dass sie an einem guten Lebenswandel arbeiten, – eben aus ihrem Glauben heraus, aus Demut vor einem Gott, in steter Selbstbeschränkung von Möglichkeiten. Es sind ja Theologen, die die Todsünden ersonnen haben, durch welche ein Mensch „bewusst und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen steht“ (Johannes Paul II, nach WP). Manch „Todsünde“ ist mir einerlei, aber ein paar Haltungen und Verhaltensweisen kann ich bei Pfarrern eben nicht akzeptieren (ich mag sie bei anderen Menschen natürlich auch nicht, aber einen Pfarrer disqualifizieren sie für seinen Beruf), ganz gut dargelegt in Exodus 20.

Dabei geht es keinesfalls ums Prinzip und schon gar nicht um beamtische Gesetzestreue. Pfarrer, die in ihrem Tun und Lassen zeigen, dass sie selbst nicht glauben, was an Glauben zu vermitteln und damit vorzuleben ihr Job ist, verraten die Botschaft. Und da gehen selbst Agnostiker auf die Palme. ***

Siehe hierzu auch den alten Text: Geduldiges Papier – ungeduldige Protestanten: Zum EKD-Reformpapier „Kirche der Freiheit“

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