Handyverbot auf Jugendfreizeiten ohne Wenn und Aber

Als ich das erste Mal von einer Jugendfreizeit las, auf der die Mitnahme von Handys verboten war, musste ich mich über diese Bevormundung sehr aufregen – und habe überlegt, ob das wohl überhaupt zulässig sei, von wegen Kommunikationsfreiheit und so. Allzuviel Zeit wird nicht vergangen sein, bis ich dann selbst als verantwortlicher Leiter das Handy als Gruppenkiller ausgemacht habe. Das war in jedem Fall deutlich vor allem Social Media Krams, wohl als sich zu meiner völligen Überraschung das SMS-Geknibbel durchsetzte.

So allgegenwärtig das Smartphone heute ist, so unerlässlich ist seine völlige Verbannung aus Gruppen, mit denen man unterwegs sein möchte, die miteinander auf einem Weg sein wollen (oder sollen). Smartphones sind bei privaten Treffen nicht nur Jugendlicher schon eine Katastrophe – Jugendfreizeiten und ähnliche Projekte machen sie aber komplett zunichte. Es sind nicht Anachronismus, Technikverachtung, Kontrollwahn oder diktatorische Herrschaftszüge, die zu einem Handyverbot führen – es ist ein notwendiger Deal, eine simple Grundbedingung: Wenn ich für euch eine Wochenendfahrt, ein Zeltlager, eine Tour organisiere und ihr daran teilnehmen wollt, dann nur ohne Mobilkommunikation.

Am Anfang ging es bei einigen Gruppen noch um ganz praktische Leiterprobleme: wenn sich die Jugendlichen jederzeit per Handy verständigen konnten von einem Zimmer zum anderen, von Blockhütte zu Blockhütte, – dann war mit normalem Aufwand „Nachtruhe“ (als Chiffre für: jeder ist auf seinem Zimmer / in seinem Zelt …) nicht mehr zu gewährleisten. Alternative zum Handyverbot war hier nur die Kapitulation, die für nicht wenige Betreuer technikunabhängig schon immer galt: ich brauche meinen Schlaf, den nehme ich mir – und was die Blagen dann in der Zeit machen ist mir egal.

Dann traten Probleme mit nervigen Eltern zutage. „Ich vermisse dich so“ simsten regelmäßig Mütter schon kurz nach der Abfahrt am Bahnhof oder mit dem Reisebus an ihre Teenager-Töchter. Und wer in seiner Fahrtengruppe irgendein Problem hatte („die sind doof zu mir“, „ich soll heute schon zum zweiten Mal spülen“, „das Essen schmeckt nicht“), rief bei Mama an. Die dann zuhause Supernanny spielte und z.B. bei der Mutter des fiesen Thomas, der ihren Sohn da gerade in Frankreich oder Spanien oder Norwegen drangsaliert, wortmächtig auf der Matte stand. Ich habe von Campingplatzbetreibern Zettel bekommen, doch ganz dringend Vater Soundso anzurufen, der versuche mich zu erreichen aber ich hätte ja kein Handy dabei. Die wichtige Botschaft: man müsse dem Sohn beim Abbau seines Zeltes mehr helfen.
Es gab Freizeitteilnehmer, die nicht mehr wussten, in welchem italienischen McDonald’s sie gerade saßen und wie es von dort zu einem vereinbarten Treffpunkt gehen sollte – und deshalb Mama in Deutschland angerufen haben. Was selbstredend allen Eltern als Beweis diente, wie wichtig es ist, sich über das völlig inakzeptable Handyverbot der Freizeitleitung hinwegzusetzen: ich muss meinen Jungen doch jederzeit erreichen können und er mich!

Inzwischen führt die Dauerverbindung zu dutzenden bis hunderten Bekannten via WhatsApp und Facebook jedoch dazu, dass überhaupt kein Gruppenleben mehr möglich ist. Man fährt tausend Kilometer von zuhause fort – um den gleichen Stuss zu chatten wie daheim, mit den selben Leuten zusammenzusein, weiterhin ständig damit beschäftigt, so wenig wie möglich zu verpassen von diesem digitalen Lebensstrom. Wer da real, analog um einen herum ist – egal.

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Unter solchen Bedingungen braucht man keine Jugendfreizeiten zu machen, keine Klassenfahrten, keine Egalwas-Touren. Vermutlich hat sich da vieles auch tatsächlich überlebt, wird zumindest derzeit von der gesellschaftlichen Entwicklung verdrängt. Ich habe noch die klassischen Dankesworte gehört: „Wie gut, dass sich jemand um die Jugendlichen kümmert“, sogar Anfang der 90er war manchmal noch vom „von der Straße wegholen“ die Rede. Wenn sie da doch mal wären, die Jugendlichen heute! Endlich wieder abhängen an der Bushaltestelle!

Wer eine Jugendfreizeit erleben will, muss sich auf ein paar Spielregeln einlassen. Das war immer so, und heute muss dazu gehören: kein Handy, niemals (und nicht nur zeitlimitiert). Und es muss klar sein, dass die Missachtung dieser „allgemeinen Geschäftsbedingung“ ein schwerer Vertrauensbruch ist (ich spreche da eigentlich lieber von Verarschung). Eine Jugendfreizeit ist ein Gruppenprozess. Deshalb ist es relativ egal, wo sie stattfindet. Es kommt auf das Zusammenleben an: die verschiedenen Gruppenbildungen, das gemeinsame Kochen, die Bildung und Einübung eigener Rituale, das Plaudern in der Dunkelheit, das Erleben von Gruppenstärke, das Aushandeln von Rollen etc. Wer meint, er könne sich da jederzeit nach Belieben ausklinken und in eine eigene virtuelle Welt abhauen, der soll gleich ganz gehen. Denn in Gruppen, das gehört m.E. zu den Essentials überhaupt, entscheidet der einzelne nie etwas nur für sich alleine, sondern immer auch für alle anderen.

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