Die Überaufklärung

Es gibt viele spannende Journalismus-Projekte. Die intensive Aufmerksamkeit für „Krautreporter“ im Moment verdeckt das ein wenig. Es gibt tolle Blogs, es gibt tolle Printmedien (könnte mich im Bahnhofsbuchhandel jedes Mal totkaufen), es laufen permanent interessante Radiosendungen und im Fernsehen ist auch nicht alles schlecht. Natürlich kann da immer noch etwas Neues, Schönes, Hilfreichundgutes hinzukommen. Aber meine Frage ist an dieser Stelle: wozu?
Wozu braucht es all den Journalismus? Das ist die publizistische Theodizee-Frage.

Realistisch betrachtet sind die meisten Journalismusprodukte für die meisten Menschen: Unterhaltung. Und ein kleines bisschen Kommunikations-Ressource (damit man wenigstens Smalltalken kann über die Dinge, die gerade bewegen sollen). Aber Orientierungsleistung, wie sich das Journalismus immer selbst zuschreibt? Welchen Nutzen soll es haben, dass wir am Biertisch über die Leitzinspolitik diskutieren, den „Ukraine-Konflikt“ verfolgen, das Hickhack der Parteien als Breaking News serviert bekommen?

Die Frage nach dem Sinn von Journalismus ist die Frage nach unserer gesellschaftlichen Partizipation. Ist unsere Meinung zu irgendetwas gefragt? Interessiert sich jemand für unsere Ideen? Können wir unsere Fragen stellen?

Das Internet zeigt wunderbar die Defizite auf. Da kann nun wirklich jeder an tausend Stellen äußern – doch es dient eigentlich nur dem Zeitvertreib. Es sind biologisch sinnlose Versuche der Reviermarkierung, Imponiergehabe, Rudelbildung und natürlich jede Menge Balz (aber dazu ein anderes Mal ausführlich). Hat jemand auch nur einen sinnvollen Kommentar-Disput auf Facebook erlebt? Tausende Kommentare unter Bild- und Postillon-Artikeln, die niemand mehr lesen will, von denen man sich nichts erwartet, wozu auch?

Bislang gibt es nur sehr vereinzelt Themen, zu denen unsere fundierte Meinung gefragt ist (und Wahlen gehören sicherlich nicht dazu, sie basieren genau auf dem gegenteiligen Modell: vollständige Delegation des politischen Denkens an eine Partei für alle Lebenslagen). Wer beim Volksentscheid zum Tempelhofer Feld abstimmen durfte und wollte, tat gut daran, sich zuvor mit den Argumenten der beiden Lager zu beschäftigen. (Aber was immer jemand an darüberhinausgehenden Ideen entwickelt haben mag, war schon wieder irrelevant; alles Lesen, Denken, Diskutieren sollte nur der richtigen Platzierung zweier Kreuzchen dienen.)

Natürlich gibt es ungezählte Themen, die einer öffentlichen Debatte bedürften. Das meiste, was unseren Alltag reguliert, sind Ergebnisse von Behördenwirken, das niemals im Wahlkampf auftaucht, weil die Themen viel zu speziell, oft auch viel zu kompliziert sind, als dass sie sich für die Werbeshow eignen würden. Willkürliches Beispiel: Natürlich wäre es wichtig, den staatlichen Denkmalschutz einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Was geben Behörden da vor? Welche Einschränkungen in die Nutzung von Eigentum hat das zur Folge, welche Kosten für private wie öffentliche Haushalte? Wie sinnvoll ist es, im Jahr 2014 Straßen mit Pflastersteinen zu sanieren? Ist es gewünscht, dem Denkmalschutz Stadtentwicklung oder „Energiewende“ unterzuordnen? Tausend Fragen. Nur: Was würden wir derzeit mit den Antworten machen?

Ich wundere mich nicht über den Auflagenschwund von Tageszeitungen, sondern darüber, dass überhaupt noch jemand Nachrichten liest.

Deshalb ist mein Vorschlag eines grundlegend anderen Gesetzgebungsverfahrens kein Methodenspiel, keine Formfrage (wie es etwa der Verein „Mehr Demokratie“ abtut), sondern es ist eine Möglichkeit, das Potenzial aller Bürger nutzbar zu machen und damit dem politischen Denken und gesellschaftlichen Diskutieren einen Sinn zu geben.

Krautreporter ist sicherlich ein tolles Projekt. Aber ich könnte auch ohne Krautreporter meine Lebenszeit mit dem publizistischen Angebot eines einzigen Tages füllen. Und für die vielen denkbaren, bisher noch nicht recherchierten und geformten Nachrichten hinter den Nachrichten fehlt mir das Interesse. Ich habe schon genug Herzensanliegen, die trotz aller Publizität von den Herrschaften ignoriert werden.

PS: Wenn jetzt schon der ein oder andere wg. des Stichworts „Krautreporter“ hier her kommt, dazu doch noch drei Worte.
– Krautreporter kann kein Vorbild für andere Projekte sein, es ist auch im Erfolgsfall kein Modell für verlagsfreien Journalismus. Denn so unglaublich viel Aufmerksamkeit können andere Projekte nicht (mehr) bekommen.
– Wenn Krautreporter trotz der enormen Medienresonanz nicht zustande kommt, ist das entweder eine überdeutliche Ablehnung des Projekts oder ein trauriger Nachweis für die Bedeutungslosigkeit von Berichterstattung (s.o.).
– Publikate, die ausschließlich auf eine feste Autorenschar bauen, finde ich unattraktiv. Das ist das „Modell ZEIT“. Es schreiben immer die selben Leute zu den gleichen Themen. Nenn mir das Themenstichwort und ich sage dir, was die Lorenzo, Bittner, Heuser, Rückert oder Ulrich  schreiben werden.
– Benjamin O’Daniel nennt in seiner Titelgeschichte des aktuellen „journalist“ die schlechte Frauenquote von 20% der vorgesehenen Autoren als ersten Kritikpunkt. Im Netz gings dazu rauf und runter. Ich warte wie immer auf eine Begründung, was eine bestimmte Frauenquote bringen soll. Und was diese langweilige Quote noch soll, wo wir doch gerade alle umerzogen werden, Sexualdimorphismus für eine Fehlinterpretation der in Wahrheit mindestens 4.000 Geschlechter zu halten. (Ich befürchte allerdings, dass gerade die Krautreporter da keine Erhellung bringen würden…)
– Und wenn man diskutieren wollte (siehe obige Sinnfrage), dann wäre in der Tat mal wieder der Rundfunkbeitrag zu nennen, mit dem man jede Menge guten Journalismus in allen möglichen Formate finanzieren könnte, wenn man …. ja, wenn man demokratisch entscheiden könnte/ würde/ wollte.

Zu den Krautreportern
Cartoon Bulo
Unterstützungs-Plädoyer von Thierry Chervel (Perlentaucher)
Jens Rehländer über das voraussichtliche Scheitern der Crowdfunding-Kampagne der Krautreporter
Leichte Überbewertung: Krautreporter unterstützen oder für immer schweigen

 

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