Totalitarismus simpler, schnarchnasiger Politiker

„Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern, worum es bei der Demokratie ursprünglich einmal ging. Es scheint schon so lange her zu sein, dass man sie ernst genommen hat. Aber im Grunde ging es darum, dass eine gewählte Regierung die Gedanken und Überzeugungen des Volkes repräsentieren sollte. Heute nehmen Regierungen es selbst in die Hand, die Gedanken und Überzeugungen des Volkes zu verändern. Anstatt zu verkörpern, was wir denken, streben sie danach, uns verkörpern zu lassen, was sie denken. Anschubsen repräsentiert eine völlige Verwerfung des demokratischen Ideals.“

Natürlich mag ich Artikel wie „Nanny-Staat: Freiheit ist Paternalismus“ von Brendan O’Neill, aus dem obiges Zitat stammt (NovoArgumente).
Und zwar nicht, weil sie genau das sagen, was ich auch sage oder an dieser Stelle sagen würde – das wäre ja nur langweilig. Sondern weil sie Richtiges sagen, aber falsch begründen.

Man sollte immer hellhörig werden, wenn jemand Veränderungen im menschlichen Herrschafts- und Untertanenwesen ausmacht. Da möchte ich dann schon Tatsachen sehen, nicht von Gefühlen lesen.

„Kurz gesagt, wir haben es heute mit einer Diktatur der Weltverbesserer zu tun, die entschlossen sind, auf so ziemlich jeden Bereich unseres Lebens Einfluss zu nehmen.“

Stimmt – bis auf den Begriff der „Weltverbesserer“. Für den fehlen mir eben die Belege. Bis dahin geht es schlicht um Herrschaft bzw. Herrschaftstrieb. Beide sind biologisch zu begründen – und haben sich in den letzten Jahrtausenden nicht verändert. Nur dass sie heute eben biologisch ins Leere laufen. Nicht anders als bei einem Porno. Simples Reiz-Reaktions-Muster, das biologisch begründet aber ebenso biologisch unsinnig ist. (Wenn die Evolution Zeit genug haben sollte, wird sie sexuelle Reaktionen auf Pornos in die Wüste schicken – aber das dauert hatl.)

O’Neill schreibt: „Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern, worum es bei der Demokratie ursprünglich einmal ging. Es scheint schon so lange her zu sein, dass man sie ernst genommen hat. Aber im Grunde ging es darum, dass eine gewählte Regierung die Gedanken und Überzeugungen des Volkes repräsentieren sollte.“

Falsch. Darum ging es nie. Es ging darum, eine Methode zu finden, wie man recht einfach zur Macht kommt, ohne blutfordernde Kämpfe. Und wie man zu möglichst viel Macht kommt (heute sprechen wir von einem „vereinten Europa“ – ha, dafür hätten die Römer aber noch einige Schlachten schlagen müssen). Und deshalb wurde auch nie die „Demokratie“ als „Volksherrschaft“ verwirklicht, weil das ja für die wenigen, die gerne richtig herrschen möchten, ziemlich dumm wäre. Angestellte des Volkes – pfui! Die Gedanken anderer repräsentieren – iwo, wozu ist man denn bitte Führer?!

Verfahren für echte Volksherrschaft – ein Begriff, den man satirisch lesen muss – versuchen daher, einerseits die Vernunftbegabung des Menschen einmal kurz aufleuchten zu lassen, andererseits jedem Herrschaftswillen einzelner einen klaren Riegel vorzuschieben.
Das geht leider nicht mit unserem System der „repräsentativen (Parteien-)Demokratie“. Weil es von den Protagonisten natürlich nicht gewollt ist.

Das wollte ich schon letztes Jahr in der Zeitschrift Novo Argumente einmal erläutern. Aber dort hat man sich leider auf die Förderung eines recht jungen und völlig unfähigen Managementsystems festgelegt, das uns ja nicht nur die von Brendan O’Neill inbrünstig vorgetragenen Verbote beschert, sondern auch jede Menge katastrophale Gebote, wie das einer ständig wachsenden Wirtschaft, der Ausbeutung aller irdischen Ressourcen, das Gebot des „YOLO“ (gerne auch als börsengeschwängertes „Lass krachen, Alter“), die Diskriminierung von Menschen (nach Geburtsorten, Pässen, Steuerabgaben) etc.

Da kann man so viele Novo Argumente vorbringen wie man mag: neuer Wein in alten Schläuchen, für die Katz, vielleicht noch fürs eigene Ego, aber ganz bestimmt nicht für die „Weltverbesserung“.

Die Überschrift bezieht sich auf den Teaser von Novo Argumente: „Das Selbstverständnis des Staates wandelt sich. In orwellianisch anmutenden Maßstäben will er heute Einfluss auf unsere Gewohnheiten, Gedanken und Beziehungen nehmen. Der Begriff Nanny-Staat ist viel zu harmlos für den neuen Totalitarismus der „Weltverbesserer“, meint Brendan O’Neill.“

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