Ist Sex ein Kirchenthema?

Die gediegenen evangelischen Landeskirchen sind inzwischen alle auf einem Pro-Homo-Kurs. Damit haben sie wie so oft mit reichlich Verzögerung das nachgemacht, was in der Gesellschaft schon länger als anständig gilt: Sexualität eines jeden einzelne Sache sein zu lassen. Aber manch Kirchenvertreter hat so laut geklappert und sich so extrem als tolerant inszeniert, dass es peinlich wirkte.
Denn klar ist: die nächsten Probleme stehen ins Haus. Die der Kirche so wichtige „Institution Ehe“ hat sich de facto schon erledigt, es werden beliebige Lebens- und Wohngemeinschaften auf Zeit gegründet, da kann es nicht mehr lange dauern, bis die Fixierung der Ehe und des eheähnlichen Instituts für gleichgeschlechtliche Verbindungen („Lebenspartnerschaft“) auf zwei Personen gelöst wird. Warum sollten in einer freien Welt nur zwei Menschen eine Partnerschaft begründen dürfen? Warum nicht drei, vier oder zehn? Doch da – das weiß ich von  einigen bekannten Kirchenleitenden sehr genau – ist derzeit absolut Schluss mit lustig, – und zwar aus einem einfachen Grund: Polygamie können sich protestantische Kirchenführer nur als „Vielweiberei“ vorstellen, und sowas gibt’s ja wohl nur beim Muselmann.

In der katholischen Kirche ringt gerade der leitende Klerus mit sich und der Frage, wie weit die Sexualdogmatik der Realität angepasst werden sollte. Evangelische Bischöfe halten sich da für moderner und versuchen es mit einem Marketing der Abgrenzung gegenüber den Katholen. Dabei ist das alles nicht mehr und nicht weniger als Zeitgeist – der alte Krams entstammt seinem Zeitgeist, der neue eben unserem gegenwärtigen. Eine besondere kirchliche, religiöse Note ist da nicht zu finden.
Da wäre es das Beste, sich als Institution komplett aus den Betten (und anderen Vergnügungsorten) rauszuhalten. Es gibt keine überzeugende Grundlage für eine bestimmte Haltung, es gibt auch in den evangelischen Kirchen keinen Konsens; aber Sex ist für Kirche immer mit Problemen verbunden (1), er bietet die ideale Vorlage für alle Kritiker (und es findet sich stets genug Stoff, bei aller vermeintlichen Liberalität!), Sexualität ist ein enormer innerer Streitpunkt und es gibt – pragmatisch betrachtet – keinen Blumentopf zu gewinnen. Die Gesellschaft in Deutschland braucht ganz sicher nicht die Kirchen als Befreier unterdrückter Sexualität und zum Mahner für irgendeine verklemmte Haltung taugt sie aus genannten Gründen eben auch nicht (selbst beim Thema der künstlichen Befruchtung war am Ende nur bedrückender Mainstream zu vernehmen).
Was ist so schwer daran zu sagen: „Sexualität? – soll jeder machen wie er mag, die Grenzen legen Politiker in Gesetzen fest.“

(1) aktuelles Beispiel: Eine Einrichtung der Diakonie durfte einer Mitarbeiterin kündigen, die während ihrer Freizeit in Pornofilmen mitgespielt hat. Da ist das Arbeitsgericht wohl noch etwas altmodischer, als es die evangelischen Kirchen sein wollen.

(Und um nicht noch einen Sexartikel aufzumachen, hier eine interessante, halbwegs passende Pressemitteilung vom Dokumentationszentrum „ans Tageslicht“:)

Medien und Menschen verändern die Welt
Katholische Kirche & Sex(ualität)

Es ist jetzt genau 45 Jahre her, seit der § 175 des Strafgesetzbuches (StGB) im Jahr 1969 zum ersten Male liberalisiert wurde. Die Jahrzehnte zuvor wurde er immer nur verschärft: seit 1871 unter Bismarcks und Kaisers Zeiten. Rund 140.000 Menschen mussten deswegen seither ins Zuchthaus: (nur) Männer – der „§ 175“ – weit weniger bekannt als der „§ 218“ – hatte „Unzucht“, konkret sexuelle Handlungen zwischen Männern unter drakonische Strafen gestellt. Bis zu 10 Jahren Gefängnis. Im Nazi-Reich wurde er flächendeckend angewandt und 1949 von der parlamentarischen Mehrheit der CDU-Regierung praktischerweise gleich 1:1 übernommen. Ab 1969 durften dann wenigsten Männer ab 21 Jahren straffrei „Unzucht“ begehen.

Zu einer wirklichen Reform kam es erst 1994, weil in der DDR das Geschlechtsleben zwischen Männern bereits Ende der 50er Jahre nicht mehr sanktioniert worden war. Jetzt erst reagierten die Bundestagsabgeordneten: 5 Jahre nach dem Mauerfall wurde der „Schwulenparagraph“ ersatzlos gestrichen – über 120 Jahre nach seiner Einführung. Sex zwischen Frauen war nie ein Thema, schon gar kein strafrechtliches – die bisherigen Welten waren männerdominiert.

Seit 1994 zählt Deutschland zu den tolerantesten Ländern weltweit. Auf dem Spartacus Gay Travel Index belegt die Bundesrepublik Platz 12. Russland beispielsweise Platz 134.

Studenten des DokZentrums haben sich im Sommeremester mit dem Thema „Katholische Kirche & Sex“ auseinandergesetzt. Hintergrund war die langjährige Praxis, nach der in katholisch beherrschten Krankenhäusern vergewaltigten Frauen die „Pille danach“ verweigert und Ärzte mit Kündigung sanktioniert wurden, wenn diese ihren Hippokratischen Eid über die katholische Moraltheologie stellten. Dem Kölner Stadtanzeiger, der zwei solcher Fälle recherchiert und öffentlich gemacht hatte und im Mai 2014 mit einem „Wächterpreis“ ausgezeichnet wurde (wir berichteten), war es gelungen, eine Kehrtwende bei Erzbischof Kardinal MEISNER innerhalb von 6 (in Worten: sechs) Wochen zu initiieren, die seither auch bundesweit gilt: Inzwischen wird in solchen Fällen die Pille danach ‚genehmigt‘.

Die Themen, die in diesem Zusammenhang jetzt online gegangen sind: Katholische Kirche und
– Ehe (und Scheidung, die es nicht gibt)
– Verhütung (die verboten ist)
– Homosexualität, die in dieser Religionsgemeinschaft immer noch als „Unzucht“ gilt. Obwohl dies in der (wiederum) männerdominierten Kirche ein weitverbreitetes, aber offiziell nicht thematisiertes Phänomen ist.

Bei Galileo GALILEI hat es 359 Jahre gedauert, bis die Katholische Kirche offiziell einlenkte. Bei der „Pille danach“ ging es in 6 Wochen. Bei der gleichgeschlechtlichen Liebe, die es schon immer gab, scheint es etwas länger zu dauern: www.ansTageslicht.de/Pilledanach.

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