Biermann und die Volksfront der Erregung (KW 45)

+ Für die bunten Kommentare ist Facebook schon eine interessante Sache. Im Hinblick auf das allgemeine Wahlrecht kommen einem da ja bei jedem dritten User erhebliche Zweifel. Siehe etwa die Diskussion um Wolf Biermann’s Auftritt im Bundestag.  „Dreckschleuder“, „Altes Arschloch“, „in die Zwangsjacke mit ihm“, Biermann, der Dahergelaufene, Alterssenile, der an Altersdemenz und „Hasselhoff-Syndrom“ Leidende… – da ist wie üblich viel digitales Wutschnauben zu hören. Auch nur ein wenig Abstraktion überfordert die meisten.
Wolf Biermann ist eine Person des Widerstands, und als solche vertritt er Meinungen, denen man sich nicht anschließen muss, um sie doch für bereichernd zu halten. Biermanns Auftritt war mutig und von der nötigen Respektlosigkeit getragen, die eben nur wenigen Künstlern eigen ist. Sich in Facebook-Kommentaren darüber auszugöbeln zeigt genau den Unterschied zwischen Künstler und Publikum.

+ Die (kurze) Medienerregung über die Erregung öffentlichen Erdogans war doppelt überflüssig. Zum einen ist eine presseerklärte Erregung an sich grundsätzlich noch kein Thema (was sich schnell herausfinden lassen sollte, wenn man die Nachrichtenkriterien checkt), zum anderen sollten Journalisten das Schwadroniergehabe von Politikern zu Bildungsthemen generell ignorieren. Die Wettbewerbsregel hier lautet, nicht möglichst laut nach Zensur zu schreien, sondern selbst ein Schulbuch auf den Markt zu bringen.

+ Beim Bahnstreik der GDL ist wirklich jedes Maß verloren gegangen – im Wutgeschnaube. Als letztmögliche Legitimation für die in bester Einheitspartei-Manier volksumfängliche Ablehnung der Gewerkschaftsforderungen galt dabei das – wiederum nur verlautbarte – „Entsetzen“ des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann. Wenn schon der „Chef“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes als gutbesoldeter Berufsarbeitsniederleger den Streik der Lokführer unmöglich findet, muss der gemeine Bürger sich nicht unnötig sozialistisch geben. Dass es Hoffmann allein darum geht, die Hoheit über die Tarifhoheit zu haben und deshalb eine konkurrierende Organisation, die sich nicht seinem DGB unterwirft, medial zu bekämpfen, wäre natürlich eine allzu billige Verschwörungstheorie – und wenigstens sowas können Qualitätsmedien wirklich gut ignorieren. Aber natürlich findet sich für jede Abwegigkeit irgendein dahergetipptes Blog, das wirren Thesen Raum gibt (tendenziöse Berichterstattung und so krudes Zeugs), selbst für die schräge Idee, dem Privatisierungswahn mit Klerikalisierung zu begegnen, findet sich eine Halde.

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