Kirchenkritik

Der größte Vorteil eines Bürgerparlaments in Form von Citizens Jurys wäre ja das Ende des Gelabers. Also des öffentlichen Gelabers. Denn damit wäre keine Show mehr zu machen, kein Blumentopf zu gewinnen. Schließlich berät das Bürgerparlament in aller Ruhe, ohne Publikum, in Kleinstgruppen, mit allem denkbaren Fach- und Ideen-Input. Und alle Fragen, die die Öffentlichkeit hat, würden ebenfalls vom Bürgerparlament abgearbeitet – und eine Sache wäre geklärt. Endgültig. Zumindest für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte.
So aber: Gelaber, jede Menge Quatsch, medial präsentierter Unverstand, Wichtigtuerei, Trollerei – weil es gar kein Interesse gibt, irgendetwas wirklich zu klären, und weil dafür auch gar keine Moderation zur Verfügung stünde. Es wird gewurschtelt, und da die Laber-Themen ständig gewechselt werden, bleibt ein jeder bei seiner Meinung.

Ich natürlich auch. Und damit ich in der Hobby-Erregung nicht jedes Mal wieder bei Null anfangen muss, sammele ich hier mal meine Standpunkte zur regelmäßig(1) von missionarischen Atheisten angefeuerten Diskussion um die „Trennung von Staat und Kirche“, die „Streichung der Kirchenprivilegien“, einen „echten Laizismus“.

# Erste Vorbemerkung: Jeder darf Kirche nach Belieben doof finden und damit hausieren gehen. Ich frage mich nur meistens nach der Motivation. Denn Ahnung haben diese Missionare meist nicht, nicht von „Kirche“ jedenfalls. Sie mögen Kirchensteuerzahlen nachschlagen können und den Subventionsbericht der Bundesregierung zu lesen im Stande sein, aber Kirche kennen sie halt nicht: die kann man auch nicht googeln.

# Zweite Vorbemerkung: Seit 30 Jahren erlebe ich Kirchenkritik aktiv und passiv. Das Faszinierende: Auf Kirchenkritik von außen reagieren Kirchenfunktionäre meist devot, selbst wenn es noch so ein Nonsens ist (er muss nur laut vorgetragen werden). Kirchenkritik von innen aber  – wie wohl dem Anliegen der Kirche dienend – wird von Kirchenfunktionären ignoriert oder – so es sich um bezahlte Mitarbeiter handelt – energisch bekämpft (während die externen Kritiker davon nichts mitbekommen und ansonsten eben mangels Ahnung nichts verstehen). Die öffentliche Debatte ist entsprechend weit entfernt von dem, was innerkirchlich diskutiert wird und was vor allem „an der Basis“ in den Gemeinden breite Zustimmung findet.

# Die unverschämte Kirchensteuer.
Dass die Kirchensteuer schlicht ein Mitgliedsbeitrag ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass er extrem sozial ist, begreifen schon nur sehr wenige Kritiker. Aber so ist es halt: bei der derzeitigen progressiven Einkommenssteuer zahlen reiche Kirchenmitglieder eben auch viel Kirchensteuer, während Arme (und sogar viele, die so ganz gut über die Runden kommen) gar keine.
Dass die Finanzämter das Inkasso dafür übernehmen, ist in jeder Hinsicht sinnvoll (solange die Kirchen nicht auf reine Spendenfinanzierung umsteigen, aber das ist eben Sache der Mitglieder, nicht der externen Quengler): die Finanzämter bekommen ihre Tätigkeit von den Kirchenmitgliedern bezahlt, denn 2 bis 4% der Kirchensteuer verbleibt als Servicegebühr beim Fiskus (also rund 330 Millionen Euro pro Jahr!). Das dürfte für den Staat ein gutes Geschäft sein (denn die Mehrarbeit ist sehr übersichtlich), aber auch für die Kirche, die auf eine eigene Verwaltung der Mitgliederbeiträge komplett verzichten kann. Und fürs Kirchenmitglied ist es sogar vom Datenschutz her schön – denn wie hoch sein Beitrag ist und demnach auch sein Einkommen erfährt die Kirche nicht (von einer Ausnahme bei Super-Reichen abgesehen, aber nur, wenn sie es wollen).

Wo bitte ist das Problem? Seit Jahren verfolge ich diese Kirchensteuerdebatte – kopfschüttelnd. Denn gegen die Kirchensteuer sprechen nur religiöse oder ecclesiologische Argumente, also rein kircheninterner Krams.
Ansonsten wäre es zu wünschen, dass die Finanzämter auch für andere Körperschaften des öffentlichen Rechts tätig würden, um Verwaltung und Daten zu sparen ( Stichwort öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Stichwort Industrie und Handelskammer, Stichwort Berufsgenossenschaft etc.).

# Stichwort Staatsleistungen:
Es geht dabei überwiegend um Entschädigungen für Enteignungen. Dass die immer noch gezahlt werden, wie es die Verträge halt hergeben, ist viel weniger verwunderlich als die Kopfschüttler so meinen.
Eine Familie besitzt einen Acker, der gerade so groß ist, sie zu ernähren. Er ist seit Generationen in Familienbesitzt und so sollen auch die heutigen Kinder der Familie später die Bewirtschaftung des Ackers übernehmen – und aller Auskommen ist gesichert.
Nun kommt ein Fürst mit Soldaten daher und sagt, er beanspruche den Acker jetzt für sich, er möchte darauf seine Pferde spielen lassen oder ein Naturschutzreservat errichten oder einen Flugplatz bauen. Wenn sich dieser Fürst nun nicht wie ein gewöhnlicher Räuber aufführen will: wie viel Entschädigung sollte er der Familie fairerweise zahlen? Soviel Kartoffeln und Getreide, dass sie über den ersten Winter kommt (um danach zu verhungern)? Oder Kartoffeln und Getreide für zehn Jahre? Oder Kartoffeln und Getreide bis ans Ende aller Tage?
Tauschen wir Entschädigung durch Pacht, wird’s vielen erstaunlicherweise klarer – insbesondere solchen, die gut mit der Erwartungshaltung leben, dass sich ihr Geld auf der Bank von alleine und ohn Unterlass vermehrt, und zwar am besten so, wie das bei Zellteilungen passiert.

Man kann natürlich über jeden einzelnen Vertrag, der zu einer „Staatsleistung“ führt, diskutieren (wobei ja schon viele abgelöst worden sind, insbesondere auf kommunaler Ebene), – aber so ein Aufreger, ist es nicht. (Gleichwohl hätte ich natürlich insbesondere bei besonders PR-relevanten Dingen wie der staatlichen Zahlung eines Bischofsgehalts ungeachtet der historischen Begründung immer schon zur Ablösung geraten.

# Stichwort Subventionen.
Fast täglich enthüllt irgendwo ein wahnsinnig investigativer Journalist, dass kirchliche Kindergärten zum größten Teil gar nicht von den Kirchen, sondern vom Staat bezahlt werden! Ganze Bücher kann man mit solcher Ahnungslosigkeit füllen und Sendungen sowieso.

Die Sache ist sehr einfach: Genau so will es die Politik, also ja angeblich die Demokratie, das Volk. Das Zauberwort heißt: Subsidiarität, und bedeutet: Aufgaben, die „der Staat“ gerne erledigt haben möchte, erledigt er nur dann selbst, wenn es anders nicht geht. Wenn der Staat Kindergärten will, dann fragt er in die Gesellschaft hinein: wer kann das übernehmen. Und dann melden sich je nach Ort und so verschiedene Interessenten. Das Deutsche Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, die evangelische oder katholische Kirche, vielleicht aber auch eine Elterninitiative, ein kleiner Verein… Der Unterschied zwischen Kirche und allen anderen Anbietern auf dem Markt ist dabei, dass Kirche bislang noch sehr viel Geld mitbringt, um den Job machen zu dürfen. Auf so eine verrückte Idee kommen andere natürlich nicht. Wo die Kirche (genauer: normalerweise eine Kirchengemeinde, da wird’s schnell sehr persönlich und übersichtlich und auf dem Dorf vertraut und vor allem genau so gewollt) subsidiär für den Staat aufgaben übernimmt, subventioniert nicht der Staat die Kirche, sondern die Kirche den Staat.

Erwartet irgendwer, dass die Johanniter Unfall Hilfe aus reiner Barmherzigkeit Rettungsdienst fährt?

Der simple Grund, warum die Kirchen so viele Kindergärten betreibt: Kirche ist für die Kommune normalerweise der mit Abstand günstigste Anbieter. Alles andere – bis zur Kita in kommunaler Trägerschaft – wäre deutlich teurer.

Und wieder geht die Kritik von außen völlig an der Sache vorbei, während die interne Kritik erst gar kein Gehör findet: denn natürlich kann man gegen kirchliche Kindergärten sein – als Kirchenmitglied. Weil sie eben unterm Strich viel zu wenig bringen (ganz anders als die humanistischen Berufsatheisten gerne unterstellen, kirchliche Kindergärten als Horte der Indoktrination und Märchenverblödung).
Aber die Zahl kirchlicher Kindergärten wird von ganz alleine zurückgehen – sobald das Geld wirklich knapp wird. Es ist schon heute nicht zu vermitteln, warum als Sparmaßnahme Pfarrstellen gestrichen werden, in Kindergärten aber ohne Not Subventionen aus der Kirchensteuer fließen (von evangelischer Seite jährlich 1,9 Milliarden Euro).

# Einfluss der Kirche im Rundfunkrat etc.
Finde ich in der Tat auch blöd – aber wiederum aus interner Kritik (weil die „Organisationenvertreter“ eben alle samt einen Stand bilden und keineswegs unterschiedliche Gesellschaftsgruppen vertreten). Alternativvorschlag: Auslosung (ausführlicher „Stellvertreter für alle – Zur Auslosung von Vertretern in den Kontrollgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“; in: epd Medien 39/2014 vom 26. September)

#… demnächst mehr

Fußnoten

(1) Als Ansatzpunkt für die Kirchenkritik taugt fast alles: mit den Attentaten auf die Mitarbeiter von Charlie Hebdo z.B. waren es nur zwei winzige Schritte (Satire, Religionskritik); es genügt aber auch eine beliebige arbeitsrechtliche Streitigkeit
http://www.timo-rieg.de/2014/09/ohne-kopftuch-die-bedeutungslosigkeit/
oder die Straftat eines Pfarrers oder …

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