Am Ende der Nahrungskette steht der Kantinenfressling (KW35)

anstaendige-deutsche

+ Lange habe ich nach dem Witz gesucht. Das ist man als Satirefreund von der Titanic gewohnt, weshalb man ahnt: es gibt ihn nicht. Und auch keinen Tieferensinn (die Königin – nicht der König! – der Satire).
Der Slogan „Anständige Deutsche für eine Willkommenskultur“ ist natürlich eine Satire. Weil man zu „anständigen Deutschen“ ja niemals kommen, sondern stets vor ihnen fliehen möchte. Und weil man eine Kultur nicht proklamiert (wie etwa „Menschenrechte“, die dann lustig auf einem Papier stehen und von aller Länder Herren verlacht werden).
Und es ist eine gute – wenn auch nicht neue – Satire, mit Berufung auf eine Nation (was die Flaggenfarben betrifft hier dezent falsch – also leise kichernd) gegen Nationalismus zu wettern. *)

+Wo ist das Ende der Nahrungskette, die – wenigstens da sind wir uns wohl einig – keine zwei davon hat? Wer sich da vor ein Henne-Ei-Problem gestellt sieht, zumal eine Kette auch noch einen Kreis bilden kann, der überlege schlicht, was wohl am Anfang war: der Einzeller (bzw. genderfuckig: das Einzell) Parmecium oder Löwe Cicil? Merkhilfe: „fressen und gefressen werden“ ist die richtige Reihenfolge, nicht „gefressen werden und fressen“. Aha, das klingt nach einer aufsteigenden Reihe. Am Ende steht demnach derjenige, der von niemandem mehr tödlich angefressen wird, sondern nur noch nach seinem Tod als Nahrung dient, unter anderem den Genossen ganz am Anfang der Nahrungskette.
Wer am Ende der (bzw. genauer: einer) Nahrungskette steht, der hat also keine Fressfeinde mehr. Es wirkt daher etwas ungebildet, wenn jemand mit dem Ende der Nahrungskette ein Lebewesen bezeichnen will, das viele Fressfeinde hat und selbst fast nichts abbekommt.
Das wäre alles lässlich, wenn das Handelsblatt mit diesem verkorksten Bild nicht ausgerechnet eine Hierarchie unter Menschengruppen bezeichnen wollte:

>Dabei teilen sich die Migranten in Marxloh selbst in Ausländer „erster und zweiter Klasse“ ein. Am Ende der Nahrungskette stehen Bulgaren und Rumänen, die von Türken, Kurden und anderen Muslimen regelmäßig gruppenweise in die Mangel genommen werden.<< („Die Politiker-WG im Problembezirk„, 24.08.2015)

Auch wenn man als literarisch begeisterungsfähiger Zeitgenosse die Nahrungskette nicht gleich kannibalisch versteht – auch übersetzt als „Ausbeutung“ o.ä. bleibt das Bild grotesk.

nahrungskette-handelsblatt

+Kantinenfraß:  Jasper von Altenbockum sollte seine Kinder nicht in eine Ganztagsschule einweisen. Dann könnte er auf dussleige Elternabende verzichten und mal mit seinen oder anderer Leuts Kindern kochen. Für ihn wird es eine RECHERCHE sein. Denn er wird entdecken: Kinder (und Jugendlich) essen ziemlich vieles, vor allem auch Gemüse – wenn sie es selbst zubereiten. Gemüsefraß aus der Kantine mag auch ein Vegetarier nicht. -Ich habe noch nie eine Freizeit oder eine Jugendgruppe erlebt, in der jemand keine Gemüsesuppe gegessen hätte. Oder Kartoffeln mit Quark. Oder Gurkensalat. Oder … Aber wir machen’s halt selbst. (Und by the way: Wiener Schnitzel – wenn Sie das wirklich meinen und nicht „Schnitzel Wiener Art“ braucht kein Mensch! Schmeckt nur nach Panade. Schade ums Kalb, das Kuh, Bulle oder Ochse hätte werden können.)

+ Voll befriedigt wurde meine Liebe zum süffisanten Witz gerade von Nadja Mayer, Redakteurin beim evangelischen „Sonntagsblatt“. Dort schreibt sie über die Gender-Debatte im Zusammenhang mit der aus der Mediathek entfernten Hart-aber-fair-Sendung: „Sie [Sophia Thomalla] sei als Frau mit Sexismus vor allem konfrontiert durch das Urteil, das sich andere Frauen über sie erlaubten“, berichtet Nadja Mayer, und fragt sich rhetorisch und öffentlich, ob Thomalla „nur aus dekorativen Zwecken eingeladen wurde.“

Buergerparlament-swi+ „An direkter Demokratie wird viel bemängelt: Es sei nicht sehr kreativ, nur Ja oder Nein sagen zu dürfen; jede Abstimmung sei anfällig für Populismus und Falschinformationen; bei geringer Beteiligung könne eine Minderheit über die Mehrheit herrschen; das Stimmvolk trage am Ende nicht die Verantwortung für sein Votum; die meisten Themen seien zu komplex fürs einfache Volk usw.“ Die Alternative „Bürgerparlament“ habe ich für eine Infoseite der SRG (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) aufgeschrieben – die Begrenzung auf 6.000 Zeichen war mehr denn je eine Herausforderung: „Ausgelostes Bürgerparlament wäre unbestechlich

*)= Dieser kurze Text dürfte von Dezember 2014 stammen, als ich erstmals über die Gruppe „Anständige Deutsche für eine Willkommenskultur“ gestolpert bin. Danach schlummerte er in einer der vielen Sammelsurium-Dateien… Inzwischen hat ja unter anderem Panorama-Leiterin Anja Reschke auch zum „Aufstand der Anständigen“ aufgerufen.

Print Friendly

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.