Kaffee für gestresste Flüchtlingshelfer (KW36)

kaffee-fuer-gestresste-fluechtlingshelfer+ Es ist immer eine schlechte Kommunikationsstrategie, seinen (unbekannten) Zuhörern oder Lesern verklickern zu wollen, wie sie gerade drauf sind, was sie denken und fühlen. Psychoanalytiker landen mit der Tour auch nur bei Bekloppten.
Ein Lehrbuchbeispiel liefert die Firma Hogastra mit einer aktuellen Werbung bei Kirchengemeinden. Denen schreibt sie unter anderem:

„die steigende Zahl von Asylbewerbern stellt uns alle vor große Herausforderungen. […] Ihre Gemeindemitglieder stehen den Flüchtlingen mit Rat und Tat zur Seite: Deutsch- und Integrationskurse, Hausaufgabenhilfen für Kinder, Begleitung bei Behördengängen, Angebote zur Integration […]“

Dieser tolle Dienst am Nächsten, den der unbekannte Werbebotschaftsempfänger (m/w) vollbringt, kann deutlich erleichtert werden, wenn man einen Kaffe- oder Heißwasserkessel der Firma kauft. Ja, die Flüchtlingsströme nötigen uns zu einer professionelleren Koffeinversorgung. Dumm nur, wenn eine Gemeinde noch keinen „Beauftragten für die mobile Versorgung mit Tee und Kaffee“ benannt hat. Dann landete die so gut gemeinte Werbung am Ende noch – trotz aller Herausforderungen – im Altpapier.

+ Ziemlich viele Worte braucht Philipp Holstein, um das berufliche Naturell des Kabarettisten Volker Pispers zu beschreiben, diesen „kantigen Kerl“, der „in Wirklichkeit ein Träumer ist, ein Romantiker und Schwärmer“, der „sich von heiligem Zorn durch den Abend trage“ lässt, Pispers, der Utopist, der „den Weg zur idealen Welt“ kennt, aber keine Gefolgschaft rekrutiert bekommt…
Man könnte auch sagen: Pispers ist ein Satiriker, wie Tucholsky ihn definiert hat: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“
Holsteins Text ist gleichwohl, vom letzten Absatz abgesehen, angenehm treffend.

+ „Grundgesetz“ ist kein Synonym für „Verfassung“, auch wenn umgekehrt das deutsche GG eine Verfassung ist. Auf Spiegelkritik würde diese Anmerkung als „Korinthe“ tituliert. Aber man stolpert halt drüber, wenn dpa-Korrespondenten von Protesten gegen eine Grundgesetz-Änderung berichten – aus der Ukraine (so auch bei Bild und vielen anderen erschienen):

Bei der chaotischen Sitzung in der Obersten Rada wird am Morgen klar, dass es alles andere als Einigkeit über das Grundgesetz gibt. […] Zwar hatten auch die Separatisten im Donbass und Russland die Verfassungsreform als unzureichend abgelehnt. Sie forderten für eine solche Novelle des Grundgesetzes zudem einen direkten Dialog mit der Führung in Kiew.

+ Die neuste Negerempörung lässt mich mal wieder am Restverstand dieses Landes zweifeln. Die Frage an die werten, megakommentierenden Kolleginnen und Kollegen: muss man sich eigentlich (nachträglich) in jedes Gespräch einmischen? Kann man nicht einfach mal zuhören? Also wirklich zuhören? Was Joachim Herrmann (CSU) da bei „Hart aber fair“ gesagt hat, ist: banal. Fetzen eines Gesprächs. An dem niemand in der Gesprächsrunde groß Anstoß nahm (von einem „Holla“ abgesehen). Daraus im Nachhinein einen Eklat zu konstruieren ist schlicht und ergreifend nur mit Geltungssucht zu erklären.

+ Userkommentare schaden (der Seriosität von) Nachrichten. Diese Botschaft geistert seit Tagen verstärkt durch die kräftig kommentierten Medien. Und wir sind mal wieder „auf Anfang“.
Denn als die Blogs kamen und die Parole ausgegeben wurde, eine Website ohne Kommentarfunktion könne kein Blog sein (wovon BILDblog betroffen war), habe ich schon – selbst noch nicht bloggend – dagegen gehalten: die Kommentarfunktion ist nichts anderes als ein rudimentärer Leserbrief, für den man keine schönen Forumulierungen braucht, kein Briefpapier, keine Briefmarke, – man kann ihn jederzeit irgendwohin rotzen. Damit entfällt zwar die „Zensur“ der Redaktion, aber leider auch ihr Orientierungs-Service, weshalb nun die Spacken das Kommentarland beherrschen, die jeden Kanal mit ihrem Unverstand zumüllen…
Nein, lesenswerte Kommentare müssen immer etwas kosten, und wenn es Zeit ist, – denn es gibt sie nur ganz selten im Vorbeigehen.
Entwertet werden die Online-Kommentare natürlich auch durch die weit verbreitete Unfähigkeit der Redaktionen, auf das Feedback ihrer Leser angemessen einzugehen.

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