Drehkreuzigung

Bahnuebergang-fussgaenger+ Der „Wahnsinn Deutschland“ lässt sich in vielen Bildern einfangen – dieses hier ist eines davon. Ein Bahnübergang für Fußgänger. Schon dass es überhaupt einen „Übergang“ braucht sagt viel über den Geisteszustand im Land – ich bin jedenfalls meine gesamte Jugend täglich querbeet über solche Gleis geschritten, ohne befestigten Boden, ohne Drehkreuz, ohne Geländer…
Dieser Fußgängerbahnübergang hier jedenfalls wird laut zuständigem (und auch das sagt viel) Regierungspräsidium nicht mehr genutzt. Da zugleich/ gleichwohl/ ungeachtet dessen jeder Bahnübergang eine Gefahr darstellt, „ist [es] deshalb geboten und entspricht der verkehrspolitischen Zielsetzung, die Zahl der Bahnübergänge zu reduzieren“, wie wir einer veröffentlichten Pressemitteilung entnehmen dürfen – nicht fragend, wie überhaupt noch Straßenbahnen durch Fußgängerzonen fahren können bei all diesen ungesicherten Querungen des Schienenverekehrs. Etwa anderthalb Jahre haben deshalb die Behörden gerödelt, um diesen nicht genutzten, aber die Nichtnutzer gefährdenden Bahnübergang „zurückzubauen“ bzw. „aufzuheben“. Das war dann jetzt wohl erfolgreich und wird vom RP in der Rubrik „Investition in Straße und Schiene“ selbstbelobigt („0,01 Mio €“, Verwaltungskosten als „Eh-da-Kosten“* wohl nicht mitgerechnet).

+ Dummgebabbel gibt es allerorten, aber wer es gerne geballt genießen will, der liest User-Tipps in Online-Foren (oder die „Diskussionen“ auf Facebook). Die besonders starke Dröhnung gibt es stets im Computerbereich („Stehl mal die Standardeinstellung von BIOS wiederher und teste dan noch mal!“, „Da das Problem ja irgendwo herkommen muß, solltest Du versuchen, das irgendwie aufzuklären.“ etc.). Die Allgegenwärtigkeit des Dummgebabbels führt offenbar schon zu Common Sense, wobei Empirie durch nichts oder durch bestätigende Verlinkung ersetzt wird. So hält der weltgrößte Lebensmittelkonzern für uns tatsächlich den Tipp bereit, einen Milchkochtopf vor Benutzung mit kaltem Wasser auszuspülen, „dann brennt die Milch nicht so leicht an“ – eine esoterische Weise, die jedes nur halbdepperte Kind mit seinem natürlichen Experimentiertrieb widerlegen können sollte.

+ Was an der „Drogenaffäre“ des Volker Beck bisher kaum jemand bemängelt: Beck ist Opfer des Politiker-Terrors geworden, sich selbst zum Opfer gefallen. Denn wie betont sein Firmenkollege Cem Özdemir gerade nochmal so schön: „Unsere Haltung ist glasklar: Crystal Meth ist eine harte und gefährliche Droge, die zu Recht verboten ist.“ Freiheit, Selbstbestimmung – Fehlanzeige, Politiker wissen für alle Menschen am besten, wie sie ihr Leben zu führen haben. (Deshalb kann Doktor Özdemir auch pauschal für alle diagnostizieren: wer diese Drogen konsumiert braucht Hilfe!) Der FAZ-Feuilletonist Claudius Seidel verweist via Twitter auf seine Anti-Prohibitionsgeschichte vom Dezember; doch das Betroffene vor Wut aus der Haut fahren möchten, stellt er sich offenbar nicht vor, jedenfalls ist der FAZ bislang noch nicht viel Positives zu Wahlboykotteuren eingefallen.

+ Dieses ewige „Danke, XY, für diesen tollen Text“ (Bsp. 1; 2; 3) zeigt sehr schön, was Intellektuelle lesen wollen: ihre eigene Meinung, nur schöner formuliert.

+ Was so viele Kollegen nur an diesem Blendle toll finden? Nerviges Rangewanze mit super-coolem Geduze, unübersichtlich, keine sinnvolle Suchfunktion, ein Spiegel-Artikel für 1,99 EUR… – das soll die Revolution des ePapers sein?

+ Weil die Frage aus dem Bekanntenkreis kam: „Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz“ ist kein Zitat von Kurt Tucholsky. Übrigens auch nicht, dass Juden und Radfahrer an allem schuld sind (siehe auch Alan Posener, der dort allerdings jemanden zitiert, den man beim besten Willen kaum mehr zitieren kann).

* Die berühmten „Eh-da-Kosten“ beziehen sich auf die Beschäftigung von Personal, das „eh da“ ist, also nichts zusätzlich kostet. Bei dieser üblichen Rechnung z.B. spart eine Behörde 2,10 EUR, wenn sie einen Mitarbeiter drei Briefe selbst antatt über die Post zustellen lässt – auch wenn er in dieser Zeit 40 EUR kostet – denn das Geld bekommt er ja eh.

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