Orientierungslose Geflügelhetze per Handy

+ Neo Magazin Royal “zensiert”: Oh Deutschland, dein Kindergarten. Jeder darf das Gedicht “Schmähkritik” von Jan Böhmermann finden, wie er mag, und assoziieren, was das Hirn hergibt. Nur: Es geht darin ganz sicher nicht um den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan (selbst wenn Böhmermann das gewollt haben sollte). Es geht erkennbar um das, was Kurt Tucholsky so formulierte: “Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.” Wenn ich in einem Krimi Erdoğan erschießen lasse, bin ich auch kein Mörder – und hege vermutlich auch keine Mordabsichten. Der Text von Böhmermann, eingebettet in die aktuelle Diskussion um die Intervention Erdoğan gegen ein Extra3-Video und eingebettet inerhalb seiner eigenen “Neo Magazin Royal”-Show, ist schlicht und ergreifend Kunst.
Ceterum censeo: Beleidigtsein ist ein Grundrecht!

+ 370.000 Hühner wurden dort pro Tag geschlachtet, in Lohne. “Geflügelfleischhersteller” wird Wiesenhof daher korrekt genannt, dessen “Produktionshallen” zerstört wurden. Bleibt nur die Frage, was diese Nachricht auf einer Seite macht, die das Wort “Agrar” im Titel trägt.

+ 1 Cent zu Hatespeech, einer der ganz großen Sorgen deutscher Internethygieniker:
Erfolgreiche “Hetze” oder “Volksverhetzung” verlangt ja immer verhetzungsfähiges und -williges Volkshirn. Die Unterstellung, zu dieser Gruppe zu gehören, deren Volkspartikel selbst von links gerne als “Ratten” bezeichnet werden (die der rechte Rattenfänger anzieht, aber nie ersäuft), sollte auch das kleinste Korsakow’sche Schrumpfhirn empört von sich weisen.

+ Natürlich ist’s in erster Linie  wieder die Bahn selbst, die es vergeigt. Aber sie hat Komplizen. Die dusseligen Nerds, die Technikfreaks, die jeden Kommerzgag zum Hype machen. So wie uns die Nerds mit ihrer konstitutiven Soziophobie den Ticketverkauf von Mensch zu Mensch fast ausgetrieben haben, in unendlicher Liebe zum “Fahrkartenautomaten”, und hernach die selbstausgedruckten Fahrkarten nach vorne brachten, so haben  sie auch für die Möglichkeit des “Handy-Tickets” gesorgt. Weil es einfach genug Freaks gibt, die auf solchen Technikscheiß sofort anspringen.
Und da diskutiert dann das Jungelchen mit dem Knipser, dass sein Handy-Ticket gerade bei der ersten Kontrolle noch angezeigt wurde, nun aber die App offenbar kaputt ist, wohingegen der des digitalen Lesens ohnmächtige Knipser lapidar erklärt, für die technische Zulänglichkeit des Endgeräts sei eben der Kunde verantwortlich, die korrekte Sichtbarmachung einer Fahrkarte obliegt dem Transportgut. Weil das nicht gelang, bekam das Jungelchen eine Pro-forma-Rechnung über 200 Euro – “aber wenn Ihre Fahrt ordnungsgemäß gebucht war, muss Sie das ja gar nicht interessieren”.
Klasse Technik.
Vor allem weil: das Unterhaltungsprogramm für die Mitreisenden bleibt unverändert. So wie Hollywood es zwar immer mehr krachen lässt, computeranimiert mit Furz und Feuerstein, die Story bleibt aber doch immer dieselbe.

+ Dass Journalismus eine Orientierungsleistung erbringt bezweifel ich bei ausgewählten Themen schon lange. Müssen Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden oder brauchen wir nicht viel eher neue, zusätzliche – eine solche Frage etwa können die Medien jeden Tag aufs neue stellen und völlig desorientierend beantworten.
Auch in der “Flüchtlingsfrage” sehe ich keine mediale Orientierung. Nachrichten im Übermaß, Meinungen vor allem, Trivialgeschichten, auch einige ganz tolle Reportagen, Rechnungen, Retrospektiven – aber unterm Strich eben keine Orientierung. Flüchtlinge kosten ganz viel Geld, Flüchtlinge retten die deutsche Wirtschaft; es gibt eine kulturelle “Überfremdung” vs. kulturelle Bereicherung (bis hin zum dringend notwendigen Abschied vom Wasserklosett und neuen Kaffeeautomaten); Obergrenze, Untergrenze; offene Schranke, geschlossene Schranke, Welt-Hirn-Schranke – es ballert ganz kräftig, doch im besten Fall bleibt man unerschütterlich bei dem, was man sich schon  immer gedacht hat.
Bei der “Flüchtlingsfrage” kommt so viel zusammen, dass eine sinnvolle gesellschaftliche Handlung nur nach intensiver Beratung in einem Verfahren wie den Bürgerjurys möglich ist. Weil es einen strukturierten Prozess braucht, weil Entscheidungen demokratisch getragen sein müssen, weil Bekenntnisse allein nicht ausreichen.
Wie das mit einer Burgerjury gehen könnte, habe ich z.B. mal am öffentlich-rechtlichen Rundfunk gezeigt.

+ Der lebenslange Fluch des Deutsch-LK: alles totquatschen, Literatur, Musik, Filme,Cartoons… (Twitter)

+ Dass ich  vom  “Flexi”-Tarif der Bahn nichts halte wird meine verehrte Leserschaft nicht wundern. Habe es unter diesem alten Beitrag kurz kommentiert.

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