Hauchdünn pfeifende Chefredakteure

+ Wenn die Angst vor Clowns schon seit drei Jahren einen Eintrag in der Wikipedia besitzt, wurde es höchste Zeit, dass dieses Symptom auch nennenswert in Erscheinung tritt. Das glingt zwar nicht den „Horror-Clowns“ mit ihrer mühevollen Handaxtarbeit, aber doch den Medien.

+ Vielleicht war es auch die Horror-Berichterstattung über traurige Clowns (hinter jeder Gruselmaske kann sich der IS verbergen!), jedenfalls vermag ein einziger Maske tragender Mensch inzwischen den Bahnverkehr lahmzulegen. So geschehen am Vorabend des halloweenisierten Reformationstags 2016, ICE 697: Fast 20 Minuten ließ der Zugchef das Gefährt in einem Bahnhof stehen, bis die „Bundespolizei“ eingetroffen und ihre „polizeilichen Ermittlungen“ aufgenommen hatte, sprich: dem konsumbedingt nicht mehr Ansprechbaren Ex-Masken-Mann aus dem Zug geholfenn hat. Wir brauchen tatsächlich mehr Polizisten. Denn ohne sie geht ja heute nichts mehr. Braucht es überhaupt andere Berufe? Wenn wir genügend Polizisten haben, können die doch auch ein bisschen den Bahnsteig kehren, Fahrkarten knipsen, den Kaffee-Snickers-Bifi-Karren schubsen und Rollis in den Lift schieben, um nur bei den bahnrelevanten Verrichtungen zu bleiben. Eigentlich ein unvorstellbares Sicherheitsrisiko, dass bisher im Führerstand noch so ein GdL-Gewerkschafter die bis zu 600 Menschenleben hinter sich verantwortet – statt eines SEK.

– Twittern verdummt. Wenn ich mir das Kommunikationslevel vieler Akteure anschaue, ist das jedenfalls die günstigste Unterstellung. Keine Zeit zum Denken, kein Platz für Gedanken, und eine Meute, die dir applaudiert oder dich in Stücke reißt – zwischen dem einen und dem anderen können deutlich weniger als 140 Zeichen liegen. Der Twitter-Wahnsinn ist irgendwann mal eine eigene Betrachtung wert (ich warte darauf schon lange), aber aus jüngster Zeit mal zwei Beispiele für den „Gesprächsstil“ einigermaßen namhafter Journalisten.
Der ZDF-Redakteur Dominik Rzepka geiferte, weil er in der entsprechenden Pressekonferenz entweder nicht den Schneid oder nicht die nötige physische Anwesenheit hatte, nach dem Suizid von Jaber Albakr:
dummer-gemkow

Was die persönliche Verfehlung des Innenministers gewesen sein sollte, führte Rzepka nicht weiter aus. Seinen Tweet löschte er – m.E. kommentarlos.

Im völlig künstlich hysterisierten Oettinger-Bashing pfiff Lorenz Maroldt, der mich in seinem „Checkpoint“-Newsletter des Morgens so schlitzäugig anstarrt, dass ich das Bild lange Zeit für eine Karikatur hielt, dünn:


Kann sich jemand vorstellen, dass der Chefredakteur des Berliner Tagesspiegels in einem gedruckten Kommentar schreibt: „EU-Kommissar Oettinger ist eine Flachpfeife“? Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, nur gehörte Maroldt wie fast die gesamte Besatzung der Berliner Blase zu den beruflichen Politikerverstehern und Nichtwähler-Ächtern. Dass ausgerechnet so eine staatstragende Figur einen der höchsten Politiker in Europa derart anpisst, ohne dass es dafür irgendeinen politischen Grund gibt, ist doch einigermaßen drollig.

+ Die Deutsche Bahn kann nicht bahnfahren, das ist ihr Handicap (von allem außerhalb dieser Kernkompetenz reden wir erst gar nicht). Man muss aber der Ehrlichkeit halber dazu sagen: Es gibt natürlich schon zwei, drei Mitarbeiter, die es durchaus probieren. Aber wie in jeder guten Behörde gilt natürlich auch bei den Eisenbahnern Engagement als brutaler Störfaktor, den es mit der intelligentesten aller Waffen zu schlagen gilt: der Hierarchie.
Ein IC trifft pünktlich in Kassel-Wilhelmshöhe ein, wo er planmäßig 5 Minuten Aufenthalt hat. Er bleibt stattdessen 15 Minuten stehen. Erst lässt er einen um ca. 20 Minuten verspäteten ICE vor, der auf der Strecke bis Hannover genau 3 Minuten schneller ist als der IC. Danach darf noch ein anderer Intercity „überholen“, so eine wunderbare Gurke mit den herrlichen InterRegio-Abteilen.
„Können Sie mir diese Überholungen erklären?“, frage ich den Schaffner, als er sich nach meinem Wohl erkundigt. „Nein, kann ich nicht“, antwortet dieser prompt – und ergänzt auf einen Vorhalt meinerseits: „Wir haben gerade auch die Transportleitung angerufen und gefragt, was das soll. Aber die haben nur gesagt, wir sollen unseren Job machen und sie machen ihren – Ende der Durchsage. Jetzt sind unsere Anschlüsse in Hannover weg. Verstehen kann man das nicht, aber ich habe mich aufgeregt und der Zugchef auch…“

+ Mit der Aufhebung der Milchquoten wurde nicht nur ein bisschen mehr „Marktfreiheit“ geschaffen – es wurde auch das Ziel „bauernfreies Deutschland“ enorm vorangebracht. Ohne irgendeinen „Diskurs“, ohne demokratisches Mandat wurde die Abschaffung der Milchbauern in Deutschland eingeleitet – zugunsten einer Milcherzeugerindustrie. Reihenweise geben Landwirte derzeit auf. Konnten Bauern noch vor Kurzem mit zwei Dutzend Milchkühen wirtschaften, geht es derzeit – wenn überhaupt – nur noch mit hunderten.

+ 89.000 „stille SMS hat die Polizei Berlin in neun Monaten verschickt, berichtet die Zitty (36/2016) – und ergänzt, dass in 80% der Fälle die Betroffenen nicht über die Überwachung informiert worden seien, obwohl dies vorgeschrieben ist. Man möchte kalauern, Berlin liegt halt im Osten – aber westlicher wird’s nicht besser sein.

+ Den Sinn von Talkshows werde ich wohl nicht mehr verstehen. Ja, wenn man ganz energisch eine Position vertritt wie einer der Gladiatoren, dann man man ein wenig mitgehen wie bei einem Konzert, natürlich auch ohne jeden Erkenntnisgewinn – aber sonst? Plasbergs „Hart aber fair“ am 31. Oktober 2016 war ein Paradebeispiel für die Unsinnigkeit: nichts wurde geklärt, nichteinmal einzelne Argumente wurden bearbeitet, und wo das ganze wenigstens theoretisch hin sollte, weiß vermutlich selbst die Redaktion nicht. Auf freitag.de jedenfalls der Verriss dazu. Anzumerken gäbe es freilich noch viel mehr, aber das meiste versendet sich ja zum Glück. Peinlich war aber u.a. der Fehler, vom Modell der „repräsentativen Demokratie“ zu verlangen, die Abgeordneten seien persönlich „repräsentativ“ für die Bevölkerung: natürlich ist der Bundestag nicht im geringsten ein Spiegel der Bevölkerung, wie Hart aber fair investigativ aufdeckte, und das kann man sehr kritisieren – nur ist es halt überhaupt nicht der Anspruch des Systems. Im Gegensatz zum Politikerparlament steht ja deshalb das Bürgerparlament, das tatsächlich Spiegelbild der (wahlberechtigten) Bevölkerung sein soll und statistisch auch ist. Die Liste der im Bundestag vertretenen Berufe gibt es übrigens hier. (Darunter: 115 Beamte, 74 Angestellte im öffentlichen Dienst, 104 Mitarbeiter von politischen Organisationen, 3 Hausfrauen bzw. -männer… – wobei es bei vielen schon sehr lange her ist, dass sie ihren angegebenen Beruf mal (kurz) ausgeübt haben…) Interessant war auch: Wolfgang Kubicki, immerhin Abgeordneter im Landtag von Schleswig-Holstein und stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, ist nach eigenen Worten täglich in seiner Rechtsanwaltskanzlei – und daher dicht am Volk.

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