Demokratisiert den Verkehr

Immer auch stilvoll: die passende Werbung

Weil der Unfallverursacher ein Porsche-Fahrer mit Diplomatenstatus war, der deshalb in Deutschland unbehelligt bleibt, hat der Tod eines Fahrradfahrers in Berlin-Neukölln bundesweit Aufmerksamkeit bekommen.
Doch das Thema sollte nicht sein, warum ein Botschaftsangehöriger im Gastland Immunität genießt – das Thema muss der Autoverkehr sein. Und da sind nicht nur Tote zu beklagen, sondern vor allem auch viele, viele Verletzte – und jede Menge Einschränkungen der Lebensqualität, die zum Teil auch schon prophylaktisch selbst vorgenommen wird. So fährt in Berlin natürlich gleich gar nicht mit dem Rad, wer sehr um seine Gesundheit besorgt ist.

Der Autoverkehr dominiert die Städte: optisch, akkustisch, olfaktorisch, räumlich. Und das, obwohl stets nur eine Minderheit mit dem privaten PKW unterwegs ist! Aber selbst wenn es eine Mehrheit von innerstädtischen Autofahrern gäbe: müssen sich wirklich alle Kinder und Jugendliche, alle Greise, Sportler, Radler, Skater, Fußgänger den Autos unterordnen?

Die Automobilisten rufen einem gerne entgegen: „Ja klar, jetzt wollt ihr uns am besten auch noch das Fahren verbieten! Alles reglementieren, alles staatlich ordnen…!“
Aber es ist andersherum: die Autos sind einfach da, haben sich kraft ihrer PS und ihres Geldwerts in den Vordergrund geschoben – und damit Regelungen und Verbote für andere erzwungen. Wie absurd, dass man in einer Stadt als Fußgänger nicht überall die Straße queren kann! Dass wir Ampeln brauchen, um sechs Meter Strecke zu überwinden. Dass geregelt werden muss, wo man ein Fahrrad abstellen darf, ja wo es überall nicht fahren darf.

Autoverkehr in der Stadt ist rational nicht zu erklären, nur ethologisch („my car is my castle“). (Selbst das furchtbare Wirtschaftsargument fällt ja bei etwas genauerer Betrachtung wie ein Soufflé in sich zusammen.)

Das soll hier auch gar nicht weiter vertieft werden. Es gibt ja nun wirklich unzählige Bücher und Fachaufsätze, Filme und Konzepte dazu.
Das Schlimme ist: wir leben in einer Demokratie, in der angeblich „alle Macht vom Volke ausgeht“, – doch über solch essentielle Fragen wie das Leben in der Stadt reden und entscheiden wir nichts. Alles gilt als gesetzt, als unabänderlich. Und an den Nuancen feilt dann die Verwaltung (auch ganz ohne den Stimmbürger).

Ich bin mir absolut sicher: wenn zufällig ausgeloste Bürger die verschiedenen, ja längst fertigen Konzepte zur innerstädtischen Mobilität beraten würden und am Ende einen Vorschlag favorisieren sollten, wären wir die Autos irgendwie los.

Ich will die Lösung nicht vorgeben, andere Leute haben auch viel, viel mehr Ahnung von Verkehrsplanung. Aber ich möchte dafür werben, dass normale Bürger, die unabhängig sind, die keine politische Karriere planen, die bei keiner Lobby im Sold stehen, dass normale Bürger als Stellvertreter für alle über einen zukunftsfähigen Stadtverkehr beraten – und Politiker die Ergebnisse dann umsetzen.

Einige Links zum Verkehrsthema:
* Mit schnellen Autos kommt man nicht schnell ans Ziel – man fährt mit ihnen nur weiter: „Das konstante Reisezeitbudget
* Volksentscheid Fahrrad (Berlin 2017)
* Tucholsky zum Verkehr

Update 29. Juni 2017:
Die B.Z. hat heute mit dem Titel „Straßenkampf Berlin“ augemacht. Ja, das trifft es gut – leider ist der (wie üblich sehr schmale) Bericht dazu wenig erhellend. Anlass war der „Verkehrssicherheitsreport 2017“ der DEKRA, einem Konzern mit rund 3 Milliarden Euro Umsatz. Deren „Berlin-Chef“ Mario Schwarz wird in dem Artikel denn mit dem Satz zitiert: „Von denen [den Radlern] fahren 80 bis 90 Prozent bei Rot und das wird kam verfolgt.“ Laut B.Z. „glaubt“ Schwarz daher auch, „dass insbesondere Radfahrer ein Problem sind“.
Ja, es braucht mehr Schutz der Autofahrer vor den chaotischen Radlern.
Die Boulevard-Kollegen von der MoPo waren da übrigens schon mal recherchetechnisch weiter und haben erläutert, warum Radfahrer NICHT bei Rot an Ampeln halten sollten. Aber Fakten sind ja bekanntlich die sauren Trauben, die jede gute Geschichte kaputt machen – wenn man sie nicht einfach weglässt.

 

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