„Bahnbashing“ vom „Dummschwätzer“

Die Kommentarfunktion auf journalistischen Websites und bei Facebook ist – unterm Strich – ein Trauerspiel. Es gibt nur ganz selten fruchtbaren Gedankenaustausch, normalerweise äußert jeder kurz, was er schon immer denkt (im Fall von redaktionellen Beiträgen auch gerne, ohne diese überhaupt zur Kenntnis genommen zu haben), vieles wird nicht nur sprachlich, sondern auch intellektuell einfach hingerotzt. Deshalb schließen mehr und mehr Redaktionen die Kommentarspalten auch wieder, die mal als Pflichtangebot im „Web 2.0“ galten (was ich von Anfang an bestritten habe).

Doch mit dem Entzug von Kommentarmöglichkeiten ist das Problem ja nicht aus der Welt – es wird nur nicht mehr so schön offenkundig. Denn normale analoge Gespräche verlaufen recht ähnlich, zumindest wenn es um nichtanwesende Dritte geht. Grundannahme ist stets: ICH habe recht. Und wer anderer Ansicht ist, muss ein Spacken sein.

Diese Art von Statements-Schlachten und Palaver, die eben nichts mit „Diskurs“ zu tun hat, gibt es keineswegs nur online. Debatten im Bundestag verlaufen nicht besser, sie sind für spätere Abstimmungen meist völlig irrelevant.

Genau deshalb werbe ich seit Jahren für Beratung und Entscheidungsfindungen nach den Methoden Planungszelle/ Bürgergutachten/ Citizens Jury: weil es dabei einen standardisierten Prozess für die Meinungsbildung gibt, der es ermöglicht, zu neuen Erkenntnissen zu kommen, ja sich vor allem zu Themen, mit denen man sich zuvor nie beschäftigt hat, eine Meinung zu bilden. Das ist die ungeschlagene Stärke dieses Verfahrens (an mehreren Stellen ausführlich beschrieben: Grundsätzliches zur Citizens Jury; das Bürgerparlament; Beispiel für ein beratendes Gremium).

Aktuelles Beispiel 1: „Demokratisieren wir endlich die Deutsche Bahn„.

In der Reihe „Politisches Feuilleton“ des Deutschlandfunk Kultur habe ich einen kleinen Beitrag über die Probleme der Bahn und deren Lösung durch Bürgerbeteiligung eingesprochen. Wie zu erwarten war, tobte sofort auf Facebook der Meinungskampf der üblichen zwei Lager: Bahn-Fans und Bahn-Hasser, um es zu überspitzen.
Was sich dabei eben wieder bestätigt hat: die meisten Menschen (zumindest von denen, die sich vernehmbar äußern) sind nicht in der Lage, eine andere Meinung als die ihre gelten zu lassen, ja sie sind nichtmals in der Lage sich auch nur kurz mit einer Gegenposition zu befassen.
Das beginnt bei den Kommentaren zu meinem kleinen Feuilleton schon damit, dass die meisten den Beitrag offenbar gar nicht verstanden haben (wenn sie ihn überhaupt gehört bzw. gelesen haben), und zwar weder inhaltlich noch stilistisch (was aufs Inhaltsverständnis durchschlägt). Beide Lager beziehen sich jeweils auf nur einen Punkt meines Beitrags, meist auf das Stichwort „Verspätungen“ (wenig originell, klar), manche aber auch auf meinen Frust, dass sich in Zügen kein Fenster mehr öffnen lässt („Ließen sich die Fenster öffnen, könnte man nicht mehr mit mehr als 200 km/h in einen Tunnel einfahren“). Dass ich eine große Palette von Problemen UND widerstreitenden Interessen aufgezählt habe, die gerade nicht mit eigenem Erleben gekontert werden können, ficht niemanden an.
Die ganze „Debatte“ auf Facebook lebt vom jeweils eigenen Standpunkt, also etwa „ich hatte gerade Ärger mit der Bahn“ vs. „bei mir hat alles geklappt auf der Bahnfahrt“. Beides ist reichlich irrelevant.
Wie unverrückbar die eigene Meinung ist, zeigt sich immer besonders schön, wenn einem Autor jedwede Kompetenz bestritten wird. Man kann ganze Bücher zu einem Thema geschrieben haben, was wenigstens ein Hinweis sein könnte, dass sich jemand mit den Fragen beschäftigt hat – ein typischer Internet-Kommentator haut ohne zu zögern sein Urteil raus, etwa so:

Weil seine Wahrnehmung meines Textes der Weltanschauung des Kommentators widerspricht, bin ich ein Dummschwätzer ohne Ahnung, der „offenbar noch keinen Zug von innen gesehen“ hat und „seine Weisheiten aus FB und dem Blocher-Kampfblatt BAZ“ bezieht.
Der Gedanke, ich könne einen Zug doch schon von innen gesehen haben, gar regelmäßiger Bahnfahrer sein oder auf andere Weise recherchiert haben, ist schlicht nicht möglich. Was der eigenen Überzeugung widerspricht, ist entsprechend dann das Gegenteil zu Qualitätsjournalismus, dummes Geschwätz eben.
Eine Diskussion ist unmöglich.

Mein Vorschlag eines Bürgerrats für alle Bahnthemen integriert jedenfalls auch Polterer wie Greulich und Jochum, was sie selbst leider gar nicht hören konnten vor lauter Wutgetrommel. Das Einzigartige an aleatorischer Demokratie ist schließlich, dass ihre Vorkämpfer oder Förderer sich nicht den kleinsten Vorteil verschaffen können (das erreicht man nur über Lobbygruppen).

Aktuelles Beispiel 2: Wahlkampf und die Ignoranz der Alpha-Journalisten

Es sind keineswegs nur die „kleinen Mediennutzer“, die auf Twitter, Facebook oder einer Nachrichtenwebsite ihre Meinung über jede andere stellen – die „Meinungsführer“ selbst machen es natürlich nicht anders. Wenn eine Zeitung ihre Online-Artikel von den Usern kommentieren lässt, dann dürfen sich diese billigen Kunden dort miteinander streiten – der Artikel-Autor wird sich nicht blicken lassen. Auch auf konkrete Fehlerhinweise, Belege für gegenteilige Positionen und ähnliches geht kaum ein Journalist ein. Er ist fürs Verkünden der Wahrheiten da, nicht für „Kundendialog“ – und wenn neue Einsichten es schon während einer Recherche sehr schwer haben, so sind sie nach Veröffentlichung geradezu undenkbar.
Claudius Seidl von der FAZ etwa beklagte sich kürzlich in einem Essay über die Langweiligkeit des Wahlkampfes. Ein ausführlicher Kommentar dazu von mir auf Facebook wurde durch die Redaktion gesperrt, wohl weil er einen Link zu weiteren Ausführungen enthielt. Auf den Twitter-Hinweis einer Entgegnung reagierte Seidl nicht, wie schon in der Vergangenheit bei meinen wenigen Dialogversuchen. Ähnliches habe ich bisher bei allen beobachtet, die in großer Auflage oder Reichweite publizieren. Dabei ist die Zahl der Dialogversuche keineswegs unüberschaubar (natürlich ähnelt sich vieles, da würde die Reaktion auf einen Beitrag genügen), und sofern es der Untermauerung der eigenen Untermauerung dient, wird auch mal etwas „geliked“, also mit Wohlwollen bedacht. Und wenn es um die Bejubelung der eigenen Arbeit geht, wird von vielen Kollegen jeder noch so popelige Beitrag weiterverbreitet, etwa so:

Ceterum censeo: Gerade weil Debatten unstrukturiert und flüchtig nicht funktionieren und sich auf diese Weise niemals die besten Ideen durchsetzen, brauchen wir das Bürgerparlament und entsprechende Losgremien an allen Stellen, wo bisher Lobbyisten mit mandatierter Meinung sitzen.

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