Wozu eigentlich diskutieren?

In den letzten Wochen habe ich wieder in zig (Kurz-)Dialogen versucht, den Sinn von Wahlenthaltungen durch Nichtteilnahme oder ungültige Stimmabgabe zu erläutern. Wie schon bei den Vorwüfen des Bahnbashings angedeutet: es ist unglaublich ermüdend und frustrierend zu sehen, dass Argumente meist keine Rolle spielen, dafür der persönliche Glaube alles ist.
Zum einen lesen und hören Leute ständig Dinge, die man gar nicht sagt. Warum? Weil sie einen eben in eine Schublade packen (soweit noch okay), in schon alle möglichen Aussagen liegen, die einem damit auch zugeordnet werden.
Zum anderen gibt es nur ganz selten Interesse an einem Gedankenaustausch. Neue erkenntnisse werden nicht erwartet, nicht ermöglicht. Ein Standarddialog auf Facebook sieht so aus:
Jemand: Nichtwähler stärken die AfD.
Ich: Wie kommen Sie darauf?
Jemand: Das hat die Wissenschaft ganz eindeutig gezeigt.
Ich: Können Sie mir eine Studie nennen, in der ich das nachlesen kann?
Jemand: Das habe ich gar nicht nötig /  Ich will mit Ihnen gar nicht diskutieren / Du bist doch sowieso von der AfD / …

Es gibt Nichtwählerforschung, die sagt aber tatsächlich etwas anderes, aber… Recherche macht halt nicht nur Journalistengeschichten kaputt, sie gefährdet auch Weltbilder.

Falls sich doch jemand dafür interessiert, verweise ich hier mal auf die größeren Beiträge dazu:
a) FAQ zur Wahl
b) Persönliche Begründung für die Wahlverweigerung
c) Gründe fürs Nichtwählen auf unwaehlbar.org mit weiteren Verweisen.

Was mir ansonsten noch bei den Dialogen aufgefallen ist, mehr als in den Jahren zuvor: die Wahlwerber hauen verbal mit unglaublicher Arroganz und Härte um sich, erklären jeden, der nicht ihrer Meinung ist, zum Deppen; prominente Journalisten applaudieren, wenn eine Erstwählerin meint „Nichtwähler sind scheiße“.

Die „Gesprächskultur“ jedenfalls ist eines der wichtigsten Argumente fürs Bürgerparlament – weil dort eben keine Redeschlachten stattfinden würden, sondern Bürger in Kleingruppen lösungsorientiert miteinander sprechen würden. (Dazu verweise ich auch noch aktuell auf ein Radio-Feature, der Einstieg ist etwas schwierig, aber dann steckt viel drin: Der Chancengenerator, SWR2, von Florian Felix Weyh)

# Das Kommunikationsproblem, zu hören oder zu lesen, was man hören oder lesen will, zieht sich natürlich durch alle Bereiche (die berühmten Männer-Frauen-Gags dazu sind sattsam bekannt), aber es wird an (vermeintlichen) politischen Gegensätzen immer sehr deutlich. Treibende Kraft dabei ist der Wille, sich von bestimmten Leuten abzugrenzen (um mit anderen zu paktieren). Das kann man auch sozialwissenschaftlich begründen, ich finde die Ethologie bzw. Soziobiologie da aber weit hilfreicher. Das Twitter-Beispiel hier: Autorin Marley bezeichnet einfach mal einen Satz als rassistisch, um damit a) für eine Trennung zu sorgen (um nicht Rassismus zu sagen) und in dessen Folge b) Applaus zu bekommen, sprich: sich einer anderen Gruppenzugehörigkeit sicher zu fühlen (und in der Gruppe ggf. eine gewisse Stellung einzunehmen). (Gut gekontert hat den Satz übrigens Angela Merkel in der Sendung, aber fürs Filigrane ist bei solchen Abgrenzungen meist keine Aufmerksamkeit vorhanden.)

# Alternativen zur Parteienwahl kamen auch in diesem Wahlkampf wieder nicht zur Sprache. Am Wahltag selbst lief dann ein einstündiges Radio-Feature, das sich mit Losverfahren beschäftigt – sehr literarisch (oder feuilletonistisch), daher kein ganz leichter Einstieg, aber viele spannende Fragen und Gedanken. SWR2: Der Chancengenerator

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