Eischweinerei für den Rindermann

+  Über die Abgründe von stern.de  ist schon viel  geschrieben worden. Dennoch möchte ich hier auf eine Borniertheit zum Krieg Auto gegen Fahrrad hinweisen. Vorwegzuschicken ist: der  Teaser passt so wenig zum Duktus des Artikels, dass er wohl eher nicht vom Autor stammt, sondern von der Redaktion (Anfrage läuft).
Letztlich könnte manch Peinlichkeit im Journalismus schlicht dadurch vermieden werden, dass  die Berichterstatter sich aufs Berichterstatten beschränken – und das Kommentieren bleiben lassen.
Im Artikel wird u.a. folgender Unfall geschildert:

Die Frau sei [mit ihrem  Auto] abgebogen, obwohl sie den Radfahrer schon lange gesehen haben musste. Obwohl auf der falschen Radwegseite unterwegs, hatte der Radfahrer ihr gegenüber Vorfahrt. Bei dem Unfall starb der Radfahrer. Wegen des mutwilligen Es-Darauf-Ankommen-Lassens wurde der Autofahrerin 100 Prozent der Schuld zugesprochen.

Der Text geht dann ernsthaft weiter mit dem Satz:

Angesichts des neuen Urteils sollten Radfahrer nicht frohlocken.

Wer auch immer durch diese zusammenstellung von Teaser und tödlichem Unfall sagt, ein Autofahrer, der einen irgendwie nicht StVO-konform fahrenden  Radler umnietet und tötet sei dann beklagenswerterweise auch noch der Dumme, muss – ohne Verlaub – eine gigantische  Arschgeige genannt werden.
Abbiegende Fahrzeuge haben  nunmal immer zu warten, Fußgänger etwa, deren Spur sie kreuzen möchten, haben  logischerweise Vorrang (§ 9 StVO, weiß aber in der Praxis so gut wie niemand, wie die tägliche Beobachtung zeigt). Ein  Autofahrer kann gar nicht wissen, ob ein Radweg nur in eine oder beide Richtungen befahrbar ist, – und sollte er  ernsthaft zunächst nach der Beschilderung Ausschau halten und dann entscheiden, einen nicht korrekt Fahrenden Radler umzunieten, gehört ihm für immer und ewig die Fahrerlaubnis entzogen .
Natürlich muss ich an dieser Stelle auf unseren Relaunch von Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“ verweisen. Wegen der unglaublichen Kontinuität des Irrsinns haben wir zu dem bekannten Verkehrs-Text von Tucholsky („Der Deutsche fährt […] um recht zu haben“] noch einen phänomenalen Artikel Carl von Ossietzkys gesellt, „Der Verkehrsunfall“, jetzt 91 Jahre alt, aber atemberaubend aktuell.

+ Tucholskys Richterkritik trifft übrigens heute auch noch genauso zu, wie ein anderer, alter aber eben beim Thema Radunfälle angezeigter Artikel in Erinnerung ruft.  Da hatte das OLG Schleswig einer unverschuldet von einem Auto verletzten  Radfahrerin die Schadenersatzansprüche gekürzt, weil sie ohne Fahrradhelm geradelt ist (Urteil vom 5. Juni 2013; Az. 7 U 11/12). Die Richter, stets für  alles auf der Welt kompetent, wozu sie sich irgendwie eine Meinung bilden können, formulierten demnach:

„Grundsätzlich [kann] davon ausgegangen werden, dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird.“

Man lese dazu Tucholskys lange Ausführung „Deutsche Richter„. Und rufe sich diese immer in Erinnerung, wenn sie etwa über einen  „durchschnittlich verständigen Zeitungsleser“ o.ä. philosophieren, die Damen und Herren, die stets bis auf den Monat genau beurteilen können, welche Aufenthaltsdauer in einem deutschen Knast schön, hilfreich und gut ist, ohne sich auch nur je einen einzigen Tag dem Knastalltag als Insasse anheim gegeben zu haben (was m.E. zur Ausbildung   zwingend dazugehören müssste, aber natürlich nicht nur für einen Tag, vielleicht wäre ein 3-Monats-Praktikum als Insasse angemessen, das bliebe zu testen).
Um es nochmal deutlich zu sagen: es gibt viele gute Gründe, warum verständigen Menschen keinen Fahrradhelm tragen. Und dass nicht-verständige Menschen nur noch Auto statt Fahrrad fahren dürfen, wäre mir zwar von der rechtlichen Vorgabe her neu, würde aber nicht grundsätzlich meine Lebenserfahrung infrage stellen. Denn spätestens hinterm Lenkrad des PKW sind ja ganz offenkundig die meisten Menschen nicht mehr recht bei Trost.

+ Demokratie ist natürlicherweise nichts, was Bosse haben wollen. Denn Demokratie verlangt zwingend, alle Menschen (ggf. auch „nur (bestimmte) Bürger“), ernst zu nehmen. Selbst wenn dabei gewichtet* (also entgegen der bekannten Floskel „one man, one vote„), sollen alle irgendwie mit ihren Meinungen, Bedürfnissen, Interessen zur Geltung kommen. Jeder Boss will aber an deren statt entscheiden. Deshalb wollen Politiker auch nie die Bürger etwas selbst regeln lassen, sondern es für sie machen – nur so wird Herrschaft wirksam.
Die hiesige Rezeption der katalanischen „Unabhängigkeitsbewegung“ bzw. – drolliger – des dortigen „Separatismus'“ macht dies schön deutlich: eine Region darf nicht entscheiden, was sie will, solange es Bosse gibt, die Herrschaft über diese Region beanspruchen. Damit das Ganze europäisch auch akzeptiert wird, müssen die Bosse natürlich nach den EU-Regeln spielen und mithin die Herrschaft dieser EU-Bosse akzeptieren. So funktioniert jeder Clan dieser  Welt – divide et impera.
Katalonien darf gar nicht erst abstimmen, ob die dortigen Menschen irgendwie „unabhängig von Spanien“ sein möchten, ob sie Dinge anders regeln wollen, als es ihnen derzeit vorgeschrieben ist – wenn Bosse festgelegt haben, dass solch eine Abstimmung rechtswidrig ist.
Meine eigene kleine Formel, um diesen Irrsinn auf die Kette zu bekommen, lautet schon lange: Gesetze sind nichts anders als kodifizierte Willkür.  – Dennn wären sie keine Willkür, sondern Logik, müsste man sie nicht in Paragraphen aufschreiben und damit justiziabel machen. Der Sinn des „Rechts“ ist es ja gerade, Dinge einfach irgendwie festzulegen, ohne den Verstand gebrauchen zu müssen.
*=gewichtet wird überall, meist dichotom: es gibt Menschen, die dürfen abstimmen, und es gibt Menschen, die dürfen nicht abstimmen (z.B. weil sie jünger als 18 sind); die Idee, dass nicht jede Stimme gleich viel zählt, ist also keineswegs so abwegig, wie es oft dargestellt wird (z.B. bei der Diskussion um ein solgenanntes „Familienwahlrecht“).

+ Über das Konzept „Hamburger“  kann man vermutlich auch Bücher schreiben oder TV-Serien drehen. Was ich jedenfalls seit meiner frühesten Jugend nicht verstehe, ist die Architektur von dat Janze. „Burger“ können nur in die Höhe wachsen, das scheint ein Naturgesetz zu sein. (Dass sich Hamburgerbrötchen in Pizza-Größe vielleicht schlecht handhaben lassen, ist so klar, dass die naheliegende Lösung, lieber mehrere verschieden komponierte Burger zu verspeisen, wohl aus irgendwelchen ganz gewichtigen Gründen ausscheidet.)
Ein belangloses Video bei Welt.de hat mich trotzdem nochmal Verwunderung gelehrt. Ich spare mir alle Kommentare zum sonstigen Quatsch und frage nur: was soll ein Spiegelei auf einem Hamburger? Es ist dabei ja offenbar nicht Unvermögen, sondern Talent, das noch flüssige Eigelb beim Auflegen der Oberhälfte des Hamburgerbrötchens („bun“) aus dem Konstrukt zu drücken und für eine ordentliche Hühnerschweinerei zu sorgen.
Es verwundert mich vor allem, dass die ganzen Fleischfans nicht checken, für welche Inkorporationstechnik ihr Gebiss gemacht ist. Wir Männermenschen sind nämlich keine Schlangen, die den Unterkiefer mal eben aushängen, damit so ein Fresshochhaus aufrecht ins Presswerk zwischen Glatze und Adamsapfel gebracht werden kann, – wir haben Eckzähne, um solche Ungetüme erstmal in Stücke zu zerlegen, die dann noch mit den Schneidezähnen portioniert werden können, bevor sie das (meist kräftig verplompte) Presswerk in die Mangel nimmt.

 

PS: Immer wieder notiere ich einige Zeit lang den Wahnsinn dieser Welt – und lasse es dann wieder; beides bringt nichts, beides macht aber auch den Wahnsinn kurzzeitig kleiner, weshalb ich dann bald wieder zur anderen Variante wechsel. Es wird also auch weiterhin keine Kontinuität geben. Es gibt allerdings einen kleinen Punktvorsprung für das Notieren: es dient mir als Nachschlagewerk, denn nirgends finde ich einfacher die Bestätigung für „da war doch schon mal sowas…“ wie bei meinen eigenen Notizen, die nur im Web ordentlich sortiert erscheinen…

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