Lieblicher Hass

+ Die Kriminalisierung verbaler Wut kann einem ganz gewalt(tät)ig auf den Senkel gehen. Dabei ist es biologisch völlig klar, dass wir nicht alle Menschen gleichermaßen mit Liebe bedenken können – übrigens auch die Hate-Speech-Fighter nicht, die alle False-Hater exportieren wollen.

+ Typisches Beispiel: die grüne Bezirksbürgermeisterin  Monika Herrmann. Sagt ein Ministerpräsident a.D. in einem langen Interview, der Erfolg der Siewissenschon-Partei belebe den politischen Diskurs, kommentiert sie diesen winzigen Auszug (keinesfalls das ganze Interview), ob da, in Sachsen, wo der Mann mal Ministerpräsident war, “was im Wasser ist?” Weil: Als Bürgermeisterin diskutiert sie natürlich am liebsten mit sich selbst, wie jede gute Politikerin ist sie ja Problem und Problemlösung in einer Person.
Und die Frage, ob jemand noch klar im Kopf sei, ist eine sorgenvolle Liebesbekundung, wenn sie von einer Anti-Hate-Speech-Girlie kommt.

+ Auf Twitter wird man ohnehin schnell irre. Was dort tagtäglich alles “menschenverachtend” ist…  – Geht’s nicht manchmal etwas kleiner, nicht vom Gottesthron herab? Im übrigen wundere ich mich, wie viele Menschen sich binnen Sekunden Urteile bilden, während die verurteilten Meinungen über Wochen und Monate gereift sind. Z.B. bei der Echauffage über die Essener Tafel: während sich die dort ehrenamtlich Aktiven eben über lange Zeit eine Meinung gebildet haben und dann zu einer Entscheidung gekommen sind, genügt Twitterern mit ordentlichem Gefolge eine Überschrift dazu, um seine Empörung über diese menschenverachtenden Rassisten in die Welt zu posaunen – applaussicher.

+ Parteien unterliegen leider nicht dem presserechtlichen Auskunftsanspruch. Gut, viel Erhellendes haben sie vielleicht auch auf kritische Fragen nicht zu sagen, aber manchmal wäre es ja doch ganz nett,  von diesen Machtzentralen wenigstens benötigte Baisdaten zu bekommen. Vom Bedeutungsverständnis einer freien Presse her passen jedenfalls CDU und SPD ganz wunderbar zusammen. Beide Parteien beantworten journalistische Anfragen häufig nicht. Zuletzt hatte ich es beim Thema Bürgerversicherung versucht – aber es gab wieder mal keine (freiwillige) Auskunft. Und logischerweise wurde auch die Nachfrage, ob solche Nichtbeantwortungen (ohne jede Reaktion, also ohne Absage) zur Kommunikationsstrategie gehören, – nicht beantwortet.
Manche  Organisationen machen es einem wirklich leicht, sie innigst zu lieben.

+ Auch nach bald drei Jahren sind wir in der “Debatte” um die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen nicht weitergekommen. Es gibt in der öffentlichen Show zwei radikale Lager, die beide Gaga-Positionen vertreten, weil sie mit keinerlei Fakten in ihrer reinen Dogmenlehre zu beirren sind.
Ein für die Medienforschung sicherlich attraktives kleines Beispiel ist die Skandalisierung der Essener Tafel, die im Dezember 2017 beschlossen hat, vorerst keine Ausländer mehr als Neukunden aufzunehmen, weil ihr Anteil bereits über 75% betrage. Ich will hier gar nicht selbst aufs Inhaltliche eingehen, interessant ist allein die öffentliche Inszenierung der Lager. Massenmedial bzw. Kommerzmedial (womit ich selbstverständlich die öffentlich-rechtlichen Sender immer ebenso meine, auch dort arbeitet man nicht hobbymäßig zum Gemeinwohl) vernehmbar war vor allem Kritik: bis zur Bundeskanzlerin hin hatten alle, die sich inszenieren wollten, ein lautes Kopfschütteln für die Ehrenamtlichen in Essen parat. Recht gut, wenn auch lang, hat das Jürgen Kaube von der FAZ notiert. Meine eigene Verwunderung hatte ich Tage zuvor bereits auf Twitterlänge gebracht.
Und nun begegnet mit die Kritik einer Kritik, die nicht etwa Beispiel für die hohe Kunst der Metaebene ist, sondern leider nur ein weiteres Monopalaver. Geistige Brandstiftung und Hassrede nennt Dirk Benninghoff, was Claus Strunz (wie er früher bei BILD, nur eine Etage höher) in einem Fernsehkommentar zu Merkels Tafel-Schelte gesagt hat. Für beides finde ich keinerlei Beleg, aber offenbar ist das auch nicht nötig, denn schon die zentrale Eingangsinformation in Benninghoffs Beitrag ist absolut falsch.

>Grund war ihre [Merkels] Kritik an der Entscheidung der Essener Tafel, keine Flüchtlinge mehr zu versorgen.<

Tatsächlich heißt es bei der Essener Tafel (und das wurde auch fast überall korrekt berichtet):

>Da Aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahre, der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75% angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen.<

Es werden also derzeit nicht “keine Flüchtlinge mehr” versorgt, sie machen noch 75% der Kunden aus, es werden nur derzeit keine Flüchtlinge mehr zusätzlich als NEU-Kunden aufgenommen. Aber für diesen kleinen Unterschied hat Dirk Benninghoff, wie es die Show verlangt, nur Arroganz übrig.
Ethologisch betrachtet geht es ohnehin auf beiden Seiten nur um Rudelbildung, um Fan-Rekrutierung, um Selbstinszenierung, um Abgrenzung. Dialog, Verständigung, Orientierung – sehe ich selten. Die medialen Scheinwerfer nutzen wie üblich allerhand sonst zurecht Unterbelichtete, über deren Showeinlagen sich die Newsindustrie freut – von Nazi-Schmierereien bis zur Strafanzeige wegen Steuerhinterziehung (eine Meldung, die auch ohne jede journalistische Einordnung in die Welt posaunt wurde, obwohl Strafanzeigen an sich nie relevant sind und diese konkrete schon auf den ersten Blick hanebüchener Unsinn ist).
Erst vor kurzem habe ich mir nach vielen Hinweisen doch nochmal eine Talk-Show dazu angesehen, die Phönix-Runde vom 31. Januar 2018 – und da war immer noch nicht klar, welche Unterschiede es zwischen politischem Asyl, Flächtlingsschutz nach der Genfer Konvention und Migration gibt. Kakophonie, sonst nichts.

 

 

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