Wacken und unser Untergang bei plus 5 Grad

+ Der deutsche Populärjournalismus ist am Wochenende mal wieder auf eine Polizeimeldung hereingefallen. Was eine behördliche PR-Stelle als kleine Anekdote erzählt hat, verdichteten Redaktionen bzw. Agenturen im Land zu einer vermeindlich drolligen  Geschichte: Zwei Rentner hauen aus dem Heim  ab, um aufs Havy-Metal-Festival in Wacken zu gehen. Polizei fängt sie wieder ein. Erst die Leser konnten  mit  ihren zahlreichen Online-Kommentaren dem Journalismus ein wenig Orientierung geben und das Thema aufzeigen. Ein Trauerspiel.  (Bildquelle: Bild)

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” Die Mediendebatte um #MeTwo suggeriert, es gebe in Deutschland nur Menschen mit Migrationshintergrund, die litten, und Deutsche, die sie diskriminierten. In den Artikeln spiegelt sich der Hang zu den Extremen, wie er in den deutschen Debatten öfter zu beobachten ist.”

Außenbeobachtungen wie diese von Benedict Neff in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) sind vor allem dann interessant, wenn sie Widerspruch auslösen – und zwar bei einem selbst.
Überwiegend kann ich allerdings Neffs Eindrücke bestätigen, er wäscht mit daher nicht den Kopf:

>>Auch bei dieser Debatte ist der Hang der Medien zu beobachten, die Gegenwart von den Rändern her zu erklären. Dabei geht leicht vergessen, dass es in Deutschland eine breite und vernünftige Mitte gibt […]Es ist bemerkenswert, wie oft man sich mit solchen Menschen im realen Leben unterhält und wie selten man sie in den Medien vernimmt.<<

Das ist ein Kernproblem im Journalismus, hinreichend bekannt, sogar selten geleugnet, – aber eben auch dauerhaft unkuriert. Die meisten Twitter-Themen, ja Erregungen, haben in meinem analogen Leben nicht den geringsten Anknüpfungspunkt.

>>Wie die Rechte in Deutschland den Islam als Feindbild braucht, braucht die Linke den Rassismus.<<

Auch dem muss ich – ebenfalls mit einem gewissen Außenblick auf das Mediengeschehen – zustimmen. Abgrenzung ist das Normalste der Welt, ob man das nun PR nennt oder Gruppenbildung. Und damit kommen wir dann doch zu einem Widerspruch:

>> Eben noch konnte man lesen, wie sich das Land mit der Willkommenskultur verändert habe und wie viele Deutsche sich freiwillig für Flüchtlinge engagiert hätten; im nächsten Moment findet man sich in einem zutiefst rassistischen Land wieder. Diese rasanten Umschwünge sind befremdlich.
Die Lust an der moralischen Selbsterhöhung ist in Deutschland mindestens so groß wie die zur Selbstanklage.<<

Widerspruch, weil die “Selbstanklage” ja auch eine moralische Selbsterhöhung ist. Und sie dient ebenso der Diskriminierung: Ich bin ein toller Mensch, ich habe die richtigen Auffassungen, ich bekenne mich zu meinen Erbsünden,
Und es bleibt nicht bei einer moralischen Selbsterhöhung: andere in Schutz zu nehmen (natürlich regelmäßig nur verbal) suggeriert natürlich, dass man auch wirklich Schutz bieten kann, dass man stark und potent ist. All das gehört zur Show, zur Rudelbildung, zur Positionierung in der Gesellschaft.

+ Meine kleine Polemik zur Betonidylle rund ums Eigenheim hat es auf der an Reichweite gemessenen ewigen Bestenliste auf den  dritten Platz geschoben. Merci. Weit künstlerischer hat das Thema Martina Schwarzmann umgesetzt. Révérence. Von mir als kleine Zugabe ein Verbrauchertipp, der auch für Laubbläser gilt: kaufen und selbst wegschmeißen.

+ Wer für die kleinen Sticheleien nicht mehr empfänglich ist, die New York Times hat einen Holzhammer im Angebot: “Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change“.  Mein Thema seit über 30 Jahren. Wir wussten alles und haben doch weitergemacht wie die Hefe im Brauwasser: feiern bis zum Absterben. Mit dem Unterschied,  dass die Hefe bisher immer darauf setzen konnte, ihre Nachkommen würden schon noch ein neues Nährmedium finden. Das mit der zweiten Erde für uns sieht ja bisher recht schlecht aus.
Erstaunlich ist vor allem, dass die Politikwissenschaft das Desaster nicht zur Kenntnis nimmt (jedenfalls finde ich nichts dazu): ein größeres Versagen des politischen Systems als die Klimakatastrophe gibt es ja kaum ´- nur der unmittelbare 3. Weltkrieg wäre noch eine Nummer größer. Doch anstatt Regelungsalternativen wenigstens mit intensiver Feld- und Laborforschung zu testen, ergeht man sich weiter im Fußnotenhakeln.
Und nochmal für die Wissenschaftsignoranten: Wenn die Menschheit binnen kürzester Zeit Unmengen Kohlenstoff  in die Luft befördert, der über Jahrmillionen aus der Luft herausgeholt und abgelagert worden ist, dann bräuchte es eine triftige Begründung, wieso dies NICHT zu Veränderungen auf der Erde führen sollte. Derzeit verbringen die Menschen aus fossilen Brennstoffen pro Jahr 35.000.000.000 Tonnen CO2 in die Luft (und reduzieren entsprechend den Sauerstoffanteil). Das CO2 aus der bisherigen Erdölförderung dürfte bei etwa 180 Gigatonnen liegen. Zu glauben, dies könne folgenlos bleiben, ist gemeingefährliche Idiotie.

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