Die Hetzjagd ist ein Zirkusspiel

Lieber Herr Steingart,

einem Punkt in Ihrem heutigen Morning-Briefing muss ich widersprechen, und zwar nicht, weil ich anderer Meinung bin (das wäre irrelevanter Alltag), sondern weil Ihre Kommentierung nicht konsistent ist.
Zurecht weisen Sie seit einigen Tagen auf die aktuellen Inszenierungen des Politik-Medien-Komplexes hin, Stichworte Maaßen und Seehofer. Die Kritik an beiden Personen hat jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren, ist angesichts der Bandbreite an Aufgaben dieser beiden Behördenleiter nicht nur unverhältnismäßig, sondern irreführend, bietet aber das große Potential, dass sich jeder dazu äußern kann, ohne irgendetwas von Innen- oder Sicherheitspolitik verstehen zu müssen.
Heute schrieben Sie uns:

>>natürlich gibt es Hetzjagden auch in Deutschland. Eine davon veranstaltet gerade die SPD. Wie eine hungrige Meute stellt sie dem Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen nach, den sie mit Billigung der Kanzlerin in Kürze zur Strecke bringen will.<<

Wobei es sich weniger um eine Hetzjagd handelt, als um Zirkusspiele mit Zwangsgladiatoren. Denn es geht ja nicht um den Jagderfolg – es geht um die Unterhaltung des Publikums, um die Fütterung der Homies, Emotionen für die Fangirls.

Weil das immer so ist, verhält es sich bei der öffentlich inszenierten Kritik am “G-20-Gipfel in Hamburg, als Teile der Stadt brannten und der Schwarze Block mit Gehwegplatten auf Polizisten warf”, wie Sie schreiben, genauso.
Dass es etwas Randale geben würde, war klar und normal. Man muss solchen Krawall nicht legalisieren, um ihn rein deskriptiv als natürlich zu bezeichnen – weiter müssen wir das hier wohl gar nicht diskutieren. Dass ein Laienleiter einer Behörde, ein Senator oder gar ein Bürgermeister persönlich irgendwie relevant für die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Bürgern war, ist doch eine von der Politik gewünschte Machtprojektion. Gerade bei G20 in Hamburg hat die Polizei sehr deutlich gezeigt, dass sie sich von niemandem irgendetwas sagen lässt, auch nicht von Gerichten.

Deshalb ist auch der große Skandal an G20 die bis heute ungesühnte Polizeigewalt und -willkür, die hundertfach belegt ist. In einem Rechtsstaat, in dem Politiker und ihre Bhörden für sich das “Gewaltmonopol” beanspruchen, was uns Bürger nicht nur in diesem Punkt entmündigt, sondern uns eben auch voll und ganz der Behördengewalt ausliefert, darf nicht ein einziger ungerechtfertigter oder unverhältnismäßiger Knüppelschlag, ja nicht eine einzige Pöbelei gepanzerter Beamter ungestraft bleiben.
Doch mit solch mächtigen Behörden wie Polizei und Bundeswehr mag es sich kein Politiker verscherzen, solange er halbwegs realistisch einmal selbst in den Genuss kommen könnte, protzig die Verantwortung für eine Behörde zu übernehmen oder einem solchen Protz wenigstens das Wasser zu reichen. Für die eigene Karriere ist es daher immer viel besser, konkurrierende Politiker verantwortlich zu machen. (Und für die Medien ist es wieder viel bequemer, über Politiker zu schwadronieren, als Straftaten von Beamten zu recherchieren.)

Und deshalb ist Ihre erneute Agitation gegen Olaf Scholz in der Causa G20 so inkonsequent. Wie sich Scholz um G20 für sein Hamburg bemüht hat und all der Kram ist doch heute belanglos. Was Journalisten tatsächlich ins Jagdfiber treiben müsste, sind die polizeiliche Brutalität, die militärische Aufrüstung der “Staatsgewalt”, die Provokationen und damit einhergehende Inszenierungen der Polizei.
Zu G20 empfehle ich Ihnen den Film “Hamburger Gitter“, und zur ungesühnten, ekelerregenden Polizeigewalt und -willkür das Radiofeature “Täter in Uniform“. Da gibt es tatsächlich viel zu jagen, ohne Publikum, ohne Beifall, ohne mediales Palaver, – allein um Strecke zu machen, um in Ihrem Bild zu bleiben.

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