Weisheit trifft auf Denken “out of the box”

Jochen Wegner im ZEIT Podcast “Alles gesagt” mit Rezo

8 Stunden sind natürlich eine Zumutung, und man muss sich vorab fragen, ob jemand acht Stunden am Stück Interessantes zu erzählen hat – oder ob nicht ein journalistisch verantwortetes Kondensat der größere Dienst an der Öffentlichkeit wäre. Doch die bisher gehörten drei Stunden (mit einem Zeitaufwand von etwa zwei Stunden) waren sehr dicht. Rezo ist schlau, schlagfertig, gewitzt.
Enttäuscht war ich bisher wie schon bei früheren Episoden von Interviewer Jochen Wegner. Dass er widerspricht, anstatt nur Fragen zu stellen, ist wunderbar. Aber leider scheint immer wieder eine typische und fürchterliche Journalistenmarotte durch: überzeugt zu sein, schon alles zu wissen – was ernstgenommen jedes journalistische Arbeiten ja überflüssig machen würde. Das beginnt natürlich mit der akribischen Vorbereitung auf das Gespräch, mit der Wegner und sein Compagnon Christoph Amend auch jedes Mal bis zum Schmerzpunkt protzen (“Wir haben alles gelesen”). Problem: Es sind ausschließlich medienvermittelte Wahrheiten, die sie sich so aneignen können und aus denen ihre Welt besteht. “Sie haben mal in einem Interview gesagt…” ist so ein erbärmlicher Klassiker. Es ist die Fortsetzung von Inszenierung. Die mag durchaus auch aufklärerische Momente haben, aber zunächst mal spinnt sie eben Medienkonstrukte weiter.

Führt Rezo dann etwas neu aus, ist Wegner schnell mit einem “Ja, ja” dabei. Weiß ich, kann schon sein, aber ich will jetzt was anderes hören heißt das.
Besonders enttäuschend war dies beim Umkreisen der Demokratiefrage, die zugespitzt lautete: Brauchen wir eine Ökodiktatur? Dazu führt Wegner so überflüssig wie peinlich das aktuelle Buch des stellvertretenden Chefredakteurs der gedruckten ZEIT, Bernd Ulrich, an (ein wirklich kleiner Kosmos) – anstatt nun mal neue Ideen zuzulassen, sich einfach für Rezos Gedanken zu interessieren, sie ggf. mit ihm weiterzuspinnen, ohne den “Ich weiß schon alles”-Habitus. Entsprechend war dann das, was die drei zum Thema zusammengetragen haben, für mich als Zuhörer so nahrhaft wie das schmatzend vorm Mic verzehrte vegane Sushi. Nein, die Systemfrage wollten sie nicht stellen, das ginge zu weit, und – etwas später – Politik ist ein mühsames Geschäft der Kompromisse, bitte mehr Respekt für Merkel & Co.

Demokratie oder Diktatur – was für eine Schwachsinnsfrage. Aber man hätte mal schauen können, was die deutsche Demokratie denn tatsächlich leistet, wieweit Regierung, Parlament und Bürger etwa beim Klimaschutz auseinanderliegen. Wessen Interessen wo vertreten werden und über welche Köpfe dieser Welt völlig ohne Rücksprache hinweggegangen wird, also undemokratisch. Aber Ideen zur Demokratiereform werden es bis zu den Chefredakteuren von Zeit-Online und Zeit-Magazin erst schaffen, wenn sie in FAZ, SZ oder einem Bernd-Ulrich-Buch stehen.
Die Systemfrage nicht zu stellen ist Recherche-Boykott. Erschütternd banal hat sich Handelsblatt-Journalist  kürzlich dazu bekannt, im Lieblingsweltbaukasten der Journalisten “Twitter”: “Ich kann mir keine bessere Demokratie vorstellen.”
Wenigstens die Frage, warum gerade Deutschland im Jahr 2019 nicht nur die beste aller existierenden, sondern sogar die beste aller nur denkbaren Demokratien haben sollte, wenigstens diese Frage ließe sich doch mal in journalistische Arbeit überführen. Aber wozu, wenn man doch schon alles weiß und daher lieber verkündet anstatt zu fragen und Antworten zu suchen.
Und wenn ich schon mal – wirtschaftlich völlig unsinnig – Jochen Wegners Podcast-Arbeit bemäkel: Den Energieverbrauch der Internet-Struktur mit E-Mails, Youtube-Videos und Podcasts zu problematisieren, aber dann zu fragen, ob man schon mal in Moskau war oder sich ausführlich über die Zubereitung von Sushi auszulassen, einen energetisch jedenfalls für Deutschland völlig bekloppten Fraß, offenbart ebenfalls keine grundlegende Neugier, sondern zufriedenes Desinteresse am System.

Aber ich höre die Folge natürlich bei den nächsten stumpfsinnigen Betätigungen weiter – solange, bis Rezo mich langweilt.

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