Kirchensteuerdebatte zur Unzeit

Es ist belanglos, was Oberpfarrer Heinrich Bedford-Strohm, Bischof der bayerischen Landeskirche* und Vorsitzender des Leitungsgremiums der EKD, im Interview mit der Welt zur Kirchensteuer gesagt hat:

“Wir diskutieren darüber, ob es vernünftig ist, für die Gruppe der Berufseinsteiger mit der Kirchensteuer eventuell noch zu warten oder sie zu reduzieren. Und wir diskutieren darüber, generell flexibler zu sein, bei der Kirchensteuer Rücksicht auf bestimmte Lebenssituationen zu nehmen, die das Kirchenrecht bisher nicht vorsieht, die menschlich aber nachvollziehbar sind.”

Aber es war klar, dass Journalisten daraus eine Meldung machen würden, die sogar im Radio in der Kurzfassung läuft, “die evangelische Kirche” denke über eine Senkung der Kirchensteuer nach. Es entspricht dem üblichen Geschick der beamteten Geistlichkeit, gerade jetzt das Thema Kirchensteuer selbst in die Öffentlichkeit zu bringen: wie immer zu spät, wie immer verschnarcht, wie immer von oben (anstatt protestantisch von den Gemeinden aus).

Was wäre das journalistische Thema daran?

—Auch dieser Aspekt zeigt, dass evangelische Kirchen stinknormale Organisationen sind, für die all das gilt, was man über sie grundsätzlich weiß und was weiterhin mit Tucholskys “Beamtenpest” gut beschrieben ist. Für die Kirchensteuer ist die EKD gar nicht zuständig, aber sie drückt schon lange immer mehr Themen von oben durch. Das wäre ein gutes Recherchethema, an dem allerdings alle Journalisten verzweifeln werden, die Kirchenstrukturen nicht mit den ersten Konfi-Bieren aufgesogen haben.

—Es geht Bedford-Strohm darum, Leute vom Kirchenaustritt abzuhalten. Er hat offenbar keinen Mut, gerade bei den kritischen Jungen darzulegen, wie segensreich Amtskirchen “die biblische Botschaft von Gottes Liebe und Barmherzigkeit” verwalten. Denn dass die Kopplung der Kirchensteuer an die Einkommensteuer (und die Abgeltungssteuer als peinlich verbilligter Satz) gerecht ist, gehört zum Credo.

—Bedford-Strohm sagt nichts dazu (und wird dazu auch nicht gefragt), was eine Kirchensteuersenkung oder partielle Aussetzung für die Wohltätigkeitskonzerne bedeuten würde. Geht es da nur um Symbolhandlung (=PR) oder wie werden sich Kirchenbedienstete in Verzicht üben, wenn weniger da ist?

—Vor allem aber: Warum haben die evangelischen Landeskirchen ihren Kirchensteuersatz nicht gesenkt in den Jahren, als es super lief, als sie ohne jede Eigenleistung ständig wachsende Haushalte zur Verfügung gestellt bekamen? Die Vorschläge gab es, aber das hätte freiwilligen Verzicht bedeutet (und nicht “lieber weniger als gar nichts” wie in der augenblicklichen Diskussion).

Ansonsten warte ich noch auf den Tag, an dem Journalisten zur evangelischen Kirche mal keinen Pfaffen und keinen Ex-Politiker als vermeintlich “Ehrenamtlichen” befragen

Und auf den Tag, an dem Journalisten checken, dass Gewählte grundsätzlich nicht “Chefs”, sondern Dienstleister der Wähler sind. Es gibt keinen “EKD-Chef“.

*Amtlich korrekt heißt es freilich “Evangelisch-lutherische Kirche in Bayern”

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