Umfragen für wissenschaftliche Studien: Ja, gerne, aber

Umfragen sind eine beliebte Methode der Sozialforschung, weil sie auf (vermeintlich) einfache Weise Daten zutage fördern, mit denen sich arbeiten lässt. Ob die so gewonnenen Daten auch irgendwie sinnvoll sind, steht auf einem anderen Blatt. Bei einer Vielzahl von Dissertationen und professoralen Working-Papers kann man da mindestens ein großes Fragezeichen setzen.

Viele Befragungen sind völlig offen,  jeder kann teilnehmen, wenn er den Link zum entsprechenden Online-Tool bekommt. Andere Umfragen werden einem zugeschickt, über spezielle Listen oder auch halbwegs individuell. Und so bekomme auch ich immer wieder Anfragen, an einer Befragung meist für eine Bachelor- oder Masterarbeit teilzunehmen.

Ich bin grundsätzlich immer bereit dazu, prüfe jede dieser Anfragen – breche aber bestimmt 95% nach der ersten oder einer der ersten Fragen ab. Das habe ich auch schon mal in einer Gruppe für Qualitative Forschung zur Diskussion gestellt, die Resonanz war allerdings bescheiden. Doch wenn wir Publizisten nicht an den Sinn des Publizierens glauben würden…

Am Anfang steht natürlich die Grundentscheidung, ob mich die Fragestellung anspricht. Was will da jemand herausfinden bzw. welche Hypothesen sollen konfirmiert oder falsifiziert werden? Bei dieser ersten Weiche landen noch die meisten Anfragen auf dem Weg zum vollständig ausgefüllten Bogen, denn es muss ja nicht “mein” Thema sein, ich muss es nur für möglicherweise relevant halten.  Allerdings verrät manch einer nicht, wann-wie-wo man als Teilnehmer an die Ergebnisse kommen kann. Auch das will ich aber unbedingt vor einem Teilnahmeversuch wissen (nicht erst am Ende nach der Art: “Vielen Dank, wenn Sie über die Ergebnisse informiert werden wollen, dann tragen Sie jetzt noch Ihre E-Mail-Adresse ein…”).

Die Herausforderung kommt danach: Können die  benannten Forschungsfragen nach meiner Einschätzung mit Teilnahme an der Umfrage geklärt werden? Da hat der Fragebogenersteller jetzt meist dutzende Gelegenheiten, mich aus seinem Datensatz zu kegeln. Die Beantwortungsquote könnte man bei mir ggf. mit Transparenz erhöhen: wenn geschrieben wird, warum eine bestimmte Frage gestellt wird. Das macht aber so gut wie niemand. Also muss ich selbst überlegen, welche Korrelationen da wohl später herausgelesen werden sollen (d.h. eigentlich muss ich nicht besonders überlegen, die Frage drängt sich ja stets von selbst auf, wenn man keine Maschine ist, die stumpfsinnig auf Fragen antworten kann).
Dazu kommt dann noch eine durchaus persönliche Komponente: Ich stiege aus, wenn sich der Fragensteller für schlauer hält als seine Probanden. Wenn ersichtlich “Kontrollfragen” gestellt werden, wenn man aufs Glatteis geführt werden soll, wenn da jemand meint, er  könne etwas von mir bekommen, was ich ihm gar nicht freiwillig geben mag. Nur wer in Wahrheit testen will, mit welch absurden Fragen man nerven kann und an welcher  Stelle wer aussteigt, bekommt zwangsläufig sein Ergebnis (sofern die Befragung in jedem Stadium gespeichert wird und ich mithin nicht die Möglichkeit habe, einen bereits begonnenen Fragebogen wirklich wieder aus dem Sampel zu nehmen).

Zu den häufigsten Fehlern zählen die sog. Eisbrecherfragen. Nein, ich mag nicht am Anfang über meine Bildung, mein Einkommen, meinen Familienstatus etc. befragt werden, weil das so schön leicht von der  Hand geht. Ich will wissen, um was es eigentlich geht. Und danach entscheide ich, ob die Erhebung personenbezogener Daten für die Auswertung notwendig oder zumindest hilfreich ist. Davon muss mich der Forscher schon überzeugen. Und ich mag auch nicht mit belanglosen Fragen nach meinem Lieblingsessen o.ä. beschäftigt werden.

Ein weiterer oft gewählter Abzweig in den digitalen Papierkorb erfolgt bei Antwortoptionen, die mir nicht einleuchten. Zum Beispiel wenn die Beantwortung einer Frage Pflicht ist, ohne deren Erfüllung es nicht weitergeht. Oder wenn von vielen Optionen nur eine gewählt werden kann, obwohl mehrere zur gestellten Frage passen. Wer das unbedingt so braucht, muss es erklären, anstatt mich mit seinem Fragensalat alleine zu lassen.  Denn sonst komme ich an solch einer Stelle zu dem Schluss, dass mit dieser Umfrage keine brauchbaren Daten erhoben werden können, also darf ich auch nicht aus Gutmütigkeit mitmachen und damit den ohnehin hohen Quatschfaktor in den Wissenschaften stärken.

Das alles gilt natürlich ebenso für persönliche Befragungen. Den per Zufallsgenerator bei mir gelandeten Fragesteller kann ich ebenso gut wie ein Online-Survey abhängen. Sozial schwieriger ist es bei vereinbarten Interviews. Da nach einer halben Stunde abzubrechen wirkt schnell bockig und ist natürlich für beide Seiten zeitwirtschaftlich doof. Deshalb prüfe ich solche Anfragen vorher recht genau, böse Überraschungen gibt es da während der eigentlichen Befragung nur ganz selten (konkret: zwei Mal bisher, bei ein bis drei qualitativen Interviews pro Jahr). Natürlich weiß man bei solchen Gesprächen nicht, was vom Transkript später genutzt wird, aber mit dieser Ungewissheit müssen ja auch alle Gesprächspartner von Journalisten leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.