Bürgergeld oder Mindestlohn – Wann rentiert sich Arbeit?
Zu Arbeiten lohnt sich finanziell immer mehr, als von Bürgergeld zu leben. Diese Botschaft aus einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, wurde von zahlreichen Medien unhinterfragt verbreitet – als Tatsache. Was aber so nicht stimmt. Denn ob sich Arbeit lohnt, ist nicht mit einem Blick auf das Konto objektiv zu beantworten.
Für die Berechnungen wurde in drei Modellen verglichen, was nur zum Mindestlohn Beschäftigte in Vollzeit verdienen können und wie es alternativ beim Bezug von Bürgergeld aussieht, jeweils für einen Single, eine Alleinerziehende mit Kinde und eine vierköpfige Familie. Der gesetzliche Mindestlohn wurde mit 12,62 Euro angesetzt.
Für den arbeitenden Single ergibt sich demnach ein Vorteil von 557 Euro monatlich, für die Alleinerziehende mit einem fünfjährigen Kind ein Plus von 749 Euro gegenüber Bürgergeld, und die Familie mit Alleinernährer hat 660 Euro mehr pro Monat als mit dem Bürgergeld.
Dieser sogenannte Lohnabstand soll zeigen, dass 38 Arbeitsstunden pro Woche in jedem Fall mehr lohnen, als auf Bürgergeld angewiesen zu sein.
Der erste große Haken daran: Was soll eine lohnende Tätigkeit sein? Denn wer den pekuniären Vorteil der Vollzeitarbeit mal ins Verhältnis zum Aufwand setzt, wird sehen, dass wir hier beim Single – bezahlten Urlaub schon berücksichtigt – von etwa 3,65 EUR pro Arbeitsstunde reden. Rechnet man den Zeitaufwand für den täglichen Arbeitsweg hinzu, wird es noch weniger.
Lohnt sich das nun? Von Montag bis Freitag stets neun bis zehn Stunden mit dem Job beschäftigt zu sein, vielleicht auch wochenends ran zu müssen, um 557 mehr zu haben, als man auch ohne jede Arbeit haben könnte?
Das dürfte eine Frage der persönlichen Lebensumstände sein, des eigenen Naturells, des Alters und der damit einhergehenden weiteren Zukunftsplanung.
Natürlich können mit Arbeit auch andere als finanzielle Anreize verbunden sein: eine vielleicht befriedigende Aufgabe zu haben, Sozialkontakte, Erfolgserlebnisse und vieles mehr.
Doch mit der Behauptung, Arbeit lohne sich immer gegenüber dem Bezug von Bürgergeld, haben es sich viele Medien nicht nur zu einfach gemacht, – sie haben etwas in die Welt gesetzt, was so einfach nicht stimmt.
Das wird noch deutlicher beim zweiten großen Haken, nämlich den konkreten Berechnungen.
Um überhaupt auf die jeweiligen Lohnabstände zu kommen, wurden in den Modellen für Berufstätige zahlreiche Sozialleistungen herangezogen, die es keineswegs automatisch und frei Haus gibt. Die Studie sagt selbst, dass etwa der „Sofortzuschlag“ und der „Kinderzuschlag“ nur wenig bekannt seien, die unter bestimmten Umständen Erwerbstätigen mit Kindern zustehen.
Im Modell der Alleinerziehenden wurde zudem ein „Unterhaltsvorschuss“ von 227 Euro zu ihrem Arbeitslohn addiert. Der ist allerdings kein Geschenk, sondern – wie der Name schon vermuten lässt – nur eine Zwischenlösung, nämlich wenn der eigentlich unterhaltspflichtige Elternteil nicht ordnungsgemäß zahlt. Von dem nämlich möchte der Staat diesen Vorschuss zurückbekommen, weshalb unsere Alleinerziehende denn auch verpflichtet ist, über den Vater alle nötigen Informationen zu erteilen. Wer das, aus welchen Gründen auch immer, nicht machen möchte, erhält diesen in der Studie pauschal eingerechneten Vorschuss eben nicht.
Nicht berücksichtigt hat die Studie hingegen auf Seite der Bürgergeldempfänger, dass sie 100 Euro pro Monat verdienen dürfen, ohne dass dies zu Abzügen führt. Dafür müssen sie natürlich rund zwei Stunden pro Woche zum Mindestlohn arbeiten. Aber in die Erwägung, was sich lohnt, wird es einfließen. Und da haben wir noch nicht von Schwarzarbeit gesprochen, die zwar illegal, aber natürlich einfacher zu bewerkstelligen ist, wenn man sonst keine beruflichen Verpflichtungen hat.
Es geht hier nicht darum, ob das Bürgergeld zu hoch oder der Mindestlohn zu niedrig angesetzt sind, und auch nicht um die Frage, dass auf beiden Seiten der Rechnungen Sozialtransfers eine bedeutende Rolle spielen, es also in beiden Modellen noch Menschen braucht, die richtig gut verdienen und davon ein Menge abgeben, um Kindergeld, Krankenkassen und vieles andere zu finanzieren.
Aber die medial breit gestreute Behauptung, zu arbeiten lohne sich in jedem Fall, ist einfach Unsinn.
(In ähnlicher Form erschienen als Politisches Feuilleton bei Deutschlandfunk Kultur; siehe auch Beitrag bei Telepolis.)
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