Weihnachtsstress – ein Medien-Mythos?

Eine Zeit der Ruhe und Besinnlichkeit wird uns morgen wohl wieder Bundespräsident Steinmeier im Fernsehen wünschen. Und in der Alltagskommunikation war dieser Wunsch schon die letzten Tage sehr präsent: an der Supermarktkasse, bei Begegnungen auf der Straße, in E-Mails, – stets werden schöne und erholsame Festtage gewünscht.

Doch offenbar gehen diese guten Wünsche nicht überall in Erfüllung. Die Medien überbieten sich mit Tipps gegen Weihnachtsstress und mit Strategien, eskalierende Streitereien zu vermeiden. Häufiger mal tief durchatmen sollen wir, uns selbst Mut zusprechen oder gar ein Stopp-Wort vereinbaren, mit dem eine zu hitzige Diskussion sofort beendet wird.

Das klingt, als erlebten nicht wenige Menschen Weihnachtstragödien, wie ich sie nur aus der TV-Serie „Familie Heinz Becker“ kenne. Dort wird uns tatsächlich ein „Schlachtfeld der enttäuschten Hoffnungen“ gezeigt, wie es kürzlich (auf diesem Sender?) über das Weihnachtsfest hieß.

Mein Weihnachten war noch nie ein Schlachtfeld – nur die Küche sieht für einige Stunden etwas verheert aus.

Als Kind habe ich Weihnachten so erlebt: Das Wohnzimmer wurde am Vormittag des 24. verschlossen. Erst nach dem Abendessen durften wir Kinder hinein. Die Kerzen am Christbaum brannten dann schon, die unter ihm verteilten Geschenke waren nur schemenhaft zu erkennen.

Als irgendwann die Zeit gekommen war, da ich selbst eine schöne Bescherung mit anzurichten hatte, tat ich es meinen Eltern gleich. Über viele Jahre blieben die Vorbereitungen im Weihnachtszimmer für meine Kinder ein Mysterium – wie einst für mich.

Später wurde der Baum an Heiligabend ohne Abschirmung geschmückt, und seit einigen Jahren übernimmt die Dekoration einfach, wer gerade möchte, eine verrückte Idee oder neuen Christbaumschmuck dabei hat.

Bei den Vorbereitungen fürs Fest ist mein Platz überwiegend in der Küche, um ein Gericht meiner badischen Oma zu kochen: „Pfannekuchenschnitzel“ mit Feldsalat in Meerrettich-Schmand-Soße.

In die Küche zu mir gesellt sich unterstützend, mit wem es gerade etwas zu diskutieren gibt.

Denn wir diskutieren immer, auch das ist Familientradition, allerdings nicht auf Weihnachten beschränkt. Schon mit meinen Eltern wurde bei Tisch nicht über Schulnoten oder anstehende Hausarbeiten, sondern über Gorbatschow und Reagan, Vermummungsverbot oder die Sicherheit von AKW gesprochen. Seichtes Geplänkel gab und gibt es nicht, wohl aber auch Hard-Core-Nonsens und eine Menge Insider-Gags.

Unser Weihnachtsessen hat keinen fixen Starttermin. Wer mag, geht zuvor in die Kirche, verpackt letzte Geschenke oder schaut etwas „Kevin – Allein zu Haus“.

Die sich ans Essen anschließende Bescherung dauert in jedem Jahr – völlig unabhängig von der Zahl der Anwesenden und der von ihnen mitgebrachten Gaben – auf geheimnisvolle Weise genau so lange, bis der oder die Erste irgendwann weit nach Mitternacht zu Bett geht.

Zwischen zwei Fragen „Wer ist als nächstes dran?“ und der mit der Antwort verbundenen Aufforderung, unterm Baum noch nach einem Geschenk zu suchen, können wenige Minuten oder viele Viertelstunden liegen.

Schließlich gibt es eben viel zu reden; es muss einmal die gesamt Krach-CD „Wir warten aufs Christkind“ der „Toten Hosen“ laufen, – während dieser Prozedur ist der aus dem Süden angereiste Opa nicht mehr auf Empfang, weil er seine Hörgeräte ausschaltet; unsere Hunde, die eigentlich auf unbeobachtete Momente warten, um etwas von den endlich ausgepackten Keksen einer Großtante zu stibitzen, sollten mal an die frische Luft geführt werden; der Brötchenteig fürs Brunch am ersten Weihnachtstag verlangt nach mehreren Bearbeitungsschritten; und irgendwer hat noch ein paar passende Instagram-Stories in petto, die unbedingt alle gesehen haben sollten.

Ruhig ist es bei uns an Heiligabend nicht, aber immer friedlich. Und wozu Hektik – die Weihnachtstage sind doch lang genug?

Es gibt das gemeinsame Ziel, ein paar schöne Tage miteinander zu verbringen. Dafür kann ein jeder tun oder lassen, was er mag, und tut so doch zuverlässig, was dem gemeinsamen Weihnachtsfest dient.

Und ich weiß ganz sicher: Schon in wenigen Tagen werden sich alle bereits auf Weihnachten 2026 freuen.

(Ähnlich erschienen bei Deutschlandfunk Kultur: „Heiliges Chaos – Mein stressfreies Weihnachten„)

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