Klimaschutz verdrängt Biodiversität

Der Rhein hat so wenig Wasser wie noch nie. Die zu geringen Regenfälle führen zudem zu Dürre in großen Gebieten. In Frankreich, Spanien und Griechenland wüten riesige Waldbrände.

Als Ursache gilt vor allem der Klimawandel, für den in erster Linie der Anstieg des Kohlendioxids in der Luft verantwortlich gemacht wird.

Als wichtigste Maßnahme gegen diese Erderwärmung gilt: weg von der Verbrennung fossiler Kohlenstoffspeicher, also Öl, Kohle und Gas! Diese Energiewende ist längst politisch beschlossen und läuft auch. Windräder und Solarparks sind in der Landschaft allgegenwärtig geworden.

So sehr manche schon diese Transformation als Zumutung empfinden, – es ist letztlich eine relativ bequeme Reaktion auf die massiven globalen Umweltveränderungen, die der Mensch verursacht.

Denn es wird dabei nur ein bisschen Technik gewechselt, ansonsten darf fast alles bleiben, wie es ist.

Statt Verbrenner sollen wir E-Autos fahren, die Ölheizung wird durch eine Wärmepumpe ersetzt, Gebäude werden gedämmt, dazu ein paar Steuern, um die benötigte Infrastruktur umzubauen – das war’s dann schon.

Dabei ist der Klimawandel nur eines von sehr vielen Problemen, die der Mensch seiner Erde beschert hat, und dies vor allem in der winzigen Zeitspanne vom Beginn der Industrialisierung bis heute. Diese anderen ökologischen Probleme geraten allerdings immer wieder aus dem Blick – gerade in Zeiten, in denen dramatische Wetter- oder Naturereignisse wie Waldbrände den Fokus auf den Klimawandel lenken.

Noch gibt es in Westeuropa rund 250 Säugetierarten, 107 davon in Deutschland. Aber nur eine einzige Art hinterlässt Spuren, die man sogar aus dem Weltall sieht.

Ein Blick auf Google-Earth genügt: Städte, Dörfer und die landwirtschaftlich genutzten Flächen sind gut zu erkennen. Besonders auffallend sind die großen weißen Flächen in Südeuropa: Kunststoff-Folien, unter denen unser Supermarkt-Gemüse wächst.

Es braucht nur wenig Phantasie sich vorzustellen, dass eine so sichtbare Aktivität des Menschen Einfluss auf das Leben haben muss. Es kann ja nicht egal sein, ob Erdflächen grün oder braun oder weiß sind, ob dort Wälder sind, Gebäude stehen oder Tomaten reifen.

Für einen besonders weitreichenden Einfluss der menschlichen Gestaltungskraft genügt allerdings kein Blick aus dem Weltall:

Unzählige Pflanzen und Tiere verschwinden einfach von diesem Planeten.

In den letzten vier Jahrzehnten ist zum Beispiel die Zahl der Fluginsekten in Deutschland um mindestens 75 % zurückgegangen. Wie viel Phantasie braucht es, um sich die Folgen dieses Verlusts vorstellen zu können?

Was sollen Singvögel ihren Küken füttern, wenn sie keine Insekten mehr finden? Wer bestäubt Blüten, wenn ein Großteil der Bienen und Schmetterlinge fehlt?

Unter einer wärmer werdenden Welt kann man sich etwas vorstellen, auch wenn die unzähligen Wechselwirkungen selbst für Fachleute nicht sicher zu prognostizieren sind.

Doch zur Abnahme der ökologischen Vielfalt, zum Verlust der Biodiversität entstehen keine Bilder im Kopf: Weniger Amphibien, weniger Spinnen, und das Verschwinden von Pilzen und Pflanzen, die niemand kannte oder wahrgenommen hat – das klingt nicht nach Katastrophe.

Anders als das Wetter ist Biodiversität unsichtbar. Wie viele Pflanzen- und Tierarten leben in einem Mischwald, durch den wir spazieren? Und sind das ökologisch gesehen viele oder wenige? Ist alles in Ordnung oder Grund zur Sorge?

Noch viel schwieriger wird es im Boden, dem wohl wichtigsten Lebensraum überhaupt.

Auf einem Hektar Ackerland werden in Deutschland sieben Tonnen Weizen geerntet. Im Boden dieses Feldes leben aber derzeit noch Organismen, die eine Biomasse von 15 Tonnen haben. Wer kann sich vorstellen, was diese Billionen von Lebewesen alles leisten?

Eine ihrer Leistungen: Regenwürmer, Insekten-Larven, Tausendfüßer, Springschwänze und Milben zersetzen totes Pflanzenmaterial und stellen die recycelten Stoffe in Zusammenarbeit mit Pilzen und Bakterien den lebenden Pflanzen für deren Wachstum zur Verfügung. Die allermeisten der Bodenlebewesen haben Biologen bis heute noch gar nicht bestimmen können.

Warum sowohl die Vielfalt der Arten als auch die Zahl ihrer Individuen drastisch zurückgehen? Weil der Mensch immer mehr Raum beansprucht.

Obwohl die Bevölkerung Deutschlands in den nächsten Jahrzehnten abnehmen wird, werden noch täglich etwa 50 Hektar Boden zu Siedlungs- und Verkehrsflächen. Überall wird gebaggert und gebaut.

Und auch, wo der Mensch nicht unmittelbar aktiv ist, hat sein Leben Auswirkungen auf die Ökosysteme, etwa durch Lärm und künstliches Licht. Mikroplastik ist inzwischen auf der ganzen Welt nachgewiesen, die Folgen sind überwiegend unbekannt.

Den Rückgang der Biodiversität zu bremsen, zu stoppen, gar umzukehren, ist wesentlich anstrengender als reiner Klimaschutz, der uns schon schwer genug fällt. Der Mensch müsste weniger beanspruchen, statt wie bisher immer mehr. Weniger Wohnfläche, weniger Verkehr, weniger Neukauf von Kleidung und technischen Geräten. Keine Neubaugebiete mehr. Schrumpfen statt Wachsen wäre die Devise.

Das klingt dystopisch? Es dürfte kein Vergleich sein dazu, wie dystopisch unsere Welt aussehen wird, wenn die Vielfalt und Menge an Pflanzen und Tieren weiter im derzeitigen Tempo zunichte gemacht werden.

(Gekürzte Version als Hörfunkbeitrag erschienen bei Deutschlandfunk Kultur)

 

 

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