Falscher Rechercheansatz bei Correctiv

Kirche & Geld – nicht ganz so geil wie Pfarrer & Sex, aber das zweiteinzigste Thema, das Journalisten in dem Zusammenhang können. Auch „Correctiv“ will mehr über die „Kirchenmilliarden“ wissen und dazu das Bistum Köln per Gericht zur Auskunft zwingen. Für die Klage wird derzeit Geld gesammelt, und dann soll Generalvikar Dr. Dominik Meiering zum Wohl der Menschheit folgende Frage beantworten:

„In welche Firmen hat das Bistum Geld in Form von Aktien oder Anleihen investiert und um wieviel Euro handelt es jeweils?“

Correctiv schreibt:

Deutschlands Kirchen sind reich. Allein die katholische Kirche in Deutschland hat ein geschätztes Vermögen von mehreren hundert Milliarden Euro. All die Dome, Grundstücke, Kunstschätze: Ein guter Teil des Kirchenvermögens besteht aus Sachwerten. Hinzu kommen zig Milliarden Euro an Rücklagen.
Wie die Kirchen diese enormen Beträge investieren, weiß bislang niemand.
[…]
Doch in welchen Fonds und Branchen, in welchen Ländern und Märkten das Erzbistum Köln investiert ist – das verraten die Eminenzen nicht. Auch auf wiederholte schriftliche Nachfrage nicht.

Diese „Intransparenz“ will Correctiv nicht akzeptieren, denn:

Theoretisch könnten also viele Millionen Euro aus Köln in australischen Bergwerken, afrikanischen Minen oder saudi-arabischen Ölfirmen angelegt sein.

Ich halte das Ansinnen von Correctiv für einen völlig falschen Ansatz im Journalismus. Da meine Ausführungen dazu für die Kommentarfunktion bei Correctiv zu lang war, poste ich sie jetzt hier. Bitte aber erst den Correctiv-Beitrag lesen.

Liebe Correctiv-Kollegen,
bei diesem Projekt kann ich euch nicht folgen.

1. Ich hoffe nicht, dass Kirchen verpflichtet sind, die gewünschten Informationen zur Verfügung zu stellen! Wie eine Organisation ihr Geld anlegt, ist ihre eigene Angelegenheit. Für Transparenz können und sollten sich die Kirchenmitglieder einsetzen – aber mit einer ganz anderen Zielrichtung natürlich. (Und was wünschenswerte Auskunftspflichten für Vereine, Firmen etc. angeht – das ist ein ganz eigenes Thema.)

Ihr schreibt in eurem Spendenauruf u.a.: „Kirchenmitglieder, Bürgerinnen und Bürger müssen endlich erfahren, was mit der Kirchensteuer geschieht, die ihnen Monat für Monat vom Lohn abgezogen wird.“

Ja, aber das ist eben Sache der Kirchenmitglieder. So wie das „Finanzgebaren“ eines Vereins Sache der Vereinsmitglieder ist. Und das einer „gemeinnützigen GmbH“?

2. Mir ist völlig unklar, was die Daten bringen sollten. Ihr setzt auf eine Skandalisierung,  das ist klar. Aber dann sagt bitte VORHER: wo beginnt der Skandal, was ließet ihr „denen“ noch durchgehen, wo haut ihr in die Empörungstasten?
Wer schon mit dem Begriff der „Kirchenmilliarden“ operiert, lässt mich da sehr an Ernsthaftigkeit zweifeln. „Kirchenmilliarden“ ist Populismus (wie ja so vieles derzeit).

An einem Beispiel habe ich mal gezeigt, wie unsinnig es ist,  nach Zahlen zu fragen (oder sie auch nur – falsch – abzulesen), wenn man nicht VORHER klar macht, wie man Zahlen einordnen will. In dem Fall ging es um die simple Frage: wann ist „die Kirche“ reich, konkret: empörenswert reich?

Ihr schreibt ja ebenfalls: „Deutschlands Kirchen sind reich […] All die Dome, Grundstücke, Kunstschätze“.  Wäre es ein Zeichen besseren Wirtschaftens, wenn die älteste (knappe 2000 Jahre Betrieb) und größte (47 Millionen Mitglieder) Organisation des Landes keine Infrastruktur aufgebaut und keine „bleibenden Werte“ geschaffen hätte? Wenn keine Millionen für Pensionsansprüche, Betriebsrente, Gebäudeunterhaltung uvm. zurückgestellt würden? Schon hier fehlt mir jeder Hinweis, wie am Ende ein paar Aktien-Daten gedeutet werden sollen.

Zur Einordnung würde auch gehören, wie eigentlich verschiedene Fakten miteinander abgewogen werden sollen: also etwa eine klimaschädliche Finanzbeteiligung irgendwo gegenüber kirchlichem Engagement in einer sozial und ökologisch sinnvollen Entwicklungshilfe etc.

3. Klimaschutz über das Aufdecken irgendwelcher Beteiligungen voranzubringen (was ja offenbar das Ziel sein soll) halte ich für geradezu albern bis desinformierend. Woll ihr nicht gerade eine neues Haus bauen für den „gemeinnützigen Journalismus“? DAS belastet die Umwelt, das bläst CO2 in die Luft, verbraucht Ressourcen etc. Dass heute jeder meint in den Urlaub FLIEGEN zu müssen und als Rentner eigentlich gar nichts anderes mehr tut als um den ganzen Globus zu reisen (sofern die arbeitenden Jüngeren das Geld dafür aufbringen): das ist Klimazerstörung. Journalismus soll unparteiisch sein, „sich nicht gemein machen„, naja, aber wenn man schon zum Moraliseren anheben will, dann bitte immer an Splitter und Balken denken – sonst wird’s nämlich schlicht unglaubwürdig. (Ich erinnere mal beispielhaft an die Schausten-Peinlichkeit.)

Dazu kann man auch bei den Kirchen recherchieren, na klar, ganz besonders dort, weil sie sich ja quasi laut Verfassung für die „Bewahrung der Schöpfung“ einsetzen: dass Kirchen mit Öl geheizt werden, damit sich darin eine Orgel nicht verschnupft; dass viele kirchliche Einrichtungen immer noch keinen Ökostrom beziehen; dass sie zu völlig unnötigen Konferenzen etc. einladen und damit Verkehr produzieren; dass es keine ökologisch sinnvolle Fahrtkostenregelung gibt; wie die Essensverpflegung in kirchlichen Bildungseinrichtungen aussieht usw., ich könnte da Hunderte Aspekte benennen.
Aber darüber darf man eben nicht vergessen, dass keiner von uns „nachhaltig“ lebt; wir alle verbrauchen Ressourcen, die für Nachfolgende nicht mehr zur Verfügung stehen, und wir verändern das Weltklima in dem Wahn, dies wie alles andere schon steuern zu können. Mich interessiert nur dieser Wahnsinn, diese ungeheuerliche Selbstüberschätzung des Menschen – oder eben sein unerbitterlicher Egoismus. Ob jetzt der eine ein paar Gramm mehr und der andere ein paar Gramm weniger CO2 bei diesem und jenem in die Luft pustet – „mein Gott“ ist das egal (ich gehe davon aus, dass ohnehin jeder erreichbare Tropfen Öl und jeder Liter Gas verbrannt werden wird – jedenfalls deutet nichts auf eine globale Fastenzeit hin). Der Fingerzeig auf ein Detail wie eine mögliche Finanzbeteiligung an einem Ölkonzern lenkt völlig von der einzigen Erkenntnis ab: wir sind das Problem, du, Sie, ich. Allein die Energiesteuer für Benzin und Diesel bringt dem Staat jährlich 35 Milliarden Euro – ein fragwürdiger Gewinn oder eine sinnvolle Abschöpfung?

Aber besser verkauft sich natürlich der Benzinverbrauch der Dienstwagen im Umweltministerium – und eine raffgierige Kirche.

4. Wenn man unbedingt etwas über den Aktienbesitz des Bistums Köln wissen möchte, sollten Journalisten andere Wege kennen, als die Kirche im Sinne einer Behörde zur Auskunft zwingen zu wollen. Vielleicht fehlt euch das kirchliche Netzwerk? Das könnte dann eben auch für größere Probleme bei der Interpretation der gesuchten Daten sprechen.

5. Der Ansatz ist keineswegs so investigativ, wie ihr es darstellt. Ihr schreibt: „Falls wir [die Klage gegen das Bistum Köln] gewinnen, müssen alle verraten, wie sie ihr Vermögen aus Immobilien, Verpachtungen und historischen Besitztümern investiert haben. Jeder und jede Gläubige würde zum ersten Mal erfahren, nach welchen Kriterien die Kirche das Geld der Gläubigen anlegt.“
Jonas Bedford-Strohm hat euch schon auf Facebook auf zahlreiche Veröffentlichungen dazu hingewiesen. Auch ich kenne mich nur in den Strukturen der evangelischen Landeskirchen aus, aber da recht gut: und es gibt alle möglichen Daten, Synodale können sich mit einzelnen Anfragen an die jeweilige Kirchenleitung wenden (öffentlich), ethisches Investment ist schon in zig Synoden Thema gewesen, es gibt dazu auch starke innerkirchliche Gruppen – wie schon gesagt: ich fürchte, euch fehlt da einfach der Durchblick.

Ich schätze eure Arbeit. Aber hier seid ihr auf dem Holzweg. Daher Abschlussgag: Kehrt um!

Nachtrag 31.12.2016
Correctiv hat auf meine Kritik leider nicht reagiert. Auch bei den Kommentaren auf der eigenen Seite fällt auf, dass alle Kritik an der Meinungslastigkeit der Beiträge ignoriert wird. Das steht allerdings im Widerspruch zu dem Gepolter, Correctiv wolle mit Fakten gegen Populismus angehen, beabsichtige, „Missstände aufzudecken und unsere Demokratie nachhaltig zu schützen„.  Die gesamte Reihe „Futter für AfD-Wähler – Die Medien der Neuen Rechten“ ist eine einzige Enttäuschung (die allerdings schon beim Titel abzusehen war).

Ergänzung:
Für Klagen nach den Informationsfreiheitsgesetzen: https://transparenzklagen.de/klagen/

Update 10.01.2017
Correctiv hat die gewünschten 2.000 Euro für die Klage tatsächlich zusammenbekommen. Auf die Kritik hier haben die Kollegen trotz konkreter Nachfragen nicht reagiert. Vielleicht sollte ich sie auf Auskunft verklagen, schließlich sind sie ja gemeinnützig und leben damit über Umwege auch von normalen Steuern.

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