Eifersuchtsjournalismus

Was mich an Journalisten-Kollegen insgesamt wohl am meisten aufregt ist die Verweigerung jedweder Selbstkritik, gepaart mit einer kolossalen Wichtigmacherei. Deshalb ist Medienjournalismus auch das undankbarste Subgenre in diesem Job: Medien kritisieren heißt ja Medienmacher kritisieren.
Die Wichtigmacherei führt leider auch noch dazu, dass Journalisten nicht selten Dinge falsch oder einfach gar nicht verstehen – vor lauter Sendungsbewusstsein (ab „ohne uns keine Demokratie“ aufwärts).
Da hat sich nun also Bundeskanzlerin Angela Merkel von vier YouTubern interviewn lassen. Von Youtubern! Nach dem Gespräch zwischen LeFloid und Merkel vor zwei Jahren war klar, wie die Hammelherde vor Neid schäumen würde. Schließlich ist es nur wenigen „vergönnt“, die Bundeskanzlerin zu interviewn.
Ich habe mir das aktuelle Gespräch nur im Schnelldurchlauf angesehen und angehört, um einen Eindruck zu bekommen, – denn ich war ja gar nicht Teil der Zielgruppe, die vier YouTuber MrWissen2go,
ItsColeslaw, AlexiBexi und Ischtar Isik haben das Gespräch nicht für mich, nicht für meine Alters- und Berufskollegen geführt, sondern natürlich für ihre Publikum, ihre Fans oder Abonnenten.
Aber dass sie selbst gar nicht zur Zielgruppe gehören, haben eben viele Journalisten, die das Interview eifrig zerrissen haben, schlicht nicht begriffen. Als Beispiel die für bravourösen Journalismus bekannte Berliner B.Z., die ein „Kreuzverhör“ erwartet hatte und urteilte:

„Schon nach wenigen Minuten war klar: Wer die 60 Minuten wach überstehen wollte, tat gut daran sich, sich einen starken Kaffee zu brauen. Denn die Fragen der professionellen Selbstdarsteller waren konventionell, kreuzbrav und zum Einschlafen langweilig.“

Die Produzenten hatten bei der Vorstellung des Events in einer Pressemitteilung geschrieben:

„Unser Ziel ist es, ein Format mit eigenständiger und zeitgemäßer Herangehensweise zu schaffen, das sich an den Gegebenheiten von  Social-Media orientiert und den jungen Menschen dabei Politik auf  Augenhöhe näher bringt.“

Doch wozu sollten Journalisten die Zielgruppe befragen, wenn sie doch selbst eine Meinung haben?

Die Idee, dass es noch andere journalistische Formate geben könnte als das von einem selbst bediente liegt den meisten Kritikern offenbar ebenfalls fern. Sie spielen enttäuscht und poltern, wie investigativ sie selbst die Kanzlerin angegangen wären, wenn sie nur mal gedurft hätten. Wie arm!

Keine Ahnung, ob den Fans von MrWissen2go, ItsColeslaw, AlexiBexi und Ischtar Isik der Merkel-Talk was gebracht hat – es ist mir schlicht egal. Ich selbst würde Merkel lieber mal beim Kochen zusehen oder sie über gute und schlechte Gegenwartsmusik diskutieren hören als auch nur weitere drei Minuten Profi-Tamtam mit Anne Will zu erdulden.

Die Wichtigmacherei der „echten“ Journalisten macht mich jedenfalls wie so oft ratlos. Dieser vor Arroganz triefende Erfolgs-Tweet von Sophie Passmann etwa. (Und natürlich: nein, Journalist ist gerade kein richtiger Beruf, aus wichtigem Grund – aber es ist zwecklos…)

Update:

Am 29. August war Bundeskanzlerin Merkel 90 Minuten Gast der Bundespressekonferenz (BPK). Befragt wurde sie also ausschließlich von Leuten, die das als richtige Berufs-Journalisten machen: Spannendes kam dabei nicht raus, aber das lag natürlich nach einstimmiger Auffassung der Fragesteller an Merkel. Nur Tilo Jung sah es wohl etwas anders:

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