Wir wollen nicht jedes vermeidbare Riskio vermeiden

Während eines starken Gewitters ist in Rickenbach (Baden-Württemberg) nach Medienberichten ein 15-jähriger Teilnehmer „eines Zeltlagers“ von einem umstürzenden Baum erschlagen worden. Soweit, so tragisch – aber eben auch normal. Irgendwo passiert immer etwas. Jugendliche kommen am ehesten auf der Straße zu Tode, was stets nur lokal bzw. regional eine Meldung ist.

Dass die Medien nun aus dem Unwetter-Tod ein Thema machen ist das eine – das kann man unter journalistischer Qualität diskutieren, was ich an anderer Stelle tue.
Das andere ist das Bessergewisse von Experten (auf das sich dann u.a. die Medien begierig stürzen, aber natürlich auch viele Social-Media-Ego-AGs).
So diagnostiziert aus der Ferne (siehe Update unten!) der von mir im Hinblick auf seine Fachkompetenz (und, rein aus Sühne akzeptiert, für seine meist völlig maßlose Medienkritik) geschätzte Jörg Kachelmann, das „Zeltlager“ hätte rechtzeitig evakuiert werden können und müssen. „Falls die Gruppe keinen Notfallplan mit festem Unterstand gehabt habe, sei dies ebenfalls ein großes Versäumnis“ gibt der Südkurier Kachelmann wieder und schreibt ferner: „Für ein Gewitter sei der sicherste Ort ein Auto oder ein fester Unterstand, so Kachelmann. Sich auf einem freien Feld oder in der Nähe von Bäumen aufzuhalten könne tödliche Folgen haben.“

Das ist alles richtig. Und bei den meisten Unfällen (nicht nur denen mit Todesfolge) wird man im Nachhinein Schlaues zur Vermeidung sagen können. Ja, der Mensch benutzt nicht immer seinen Verstand, er schätzt Dinge falsch ein etc. pp. – man muss kein Biologe sein, um dies zu wissen. Zumindest mit einem großen Teil dieser Unzulänglichkeiten müssen wir aber leben, wollen wir leben – auch auf das Risiko hin, es nicht zu überleben. Natürlich wird das der tote Jugendliche nicht so gesehen haben, seine Angehörigen werden bei dieser Idee aufschreien vor Entsetzen, verständlicherweise, aber doch muss der unbetroffene Rest nüchtern konstatieren: Dinge passieren, und wir wollen kein Leben, in dem jedes Risiko ausgeschlossen ist.

Konkret zu Zeltlagern: Ich bin selbst seit Jahr und Tag outdoor unterwegs, alleine, mit kleinen Gruppen, mit großen Gruppen. Natürlich weiß man, dass ein Gewitter gefährlich ist. Aber deshalb beschränken wir uns nicht auf Touren, bei denen wir einen Faradayschen Käfig auf vier Rädern mitnehmen können, Gott bewahre, nein wir sind natürlich ohne Auto und festen Unterstand draußen. Und wenn einmal etwas passieren sollte, dann verbitten wir uns solche Klugscheißerei, denn wir selbst wussten das vorher schon.

Wegen der Expertokratie organisiere ich schon seit langem keine großen Zeltlager mehr: weil nämlich alle möglichen Experten alle möglichen Gefahren ganz sicher ausschließen wollen. Sie schreiben einem deshalb vor, welche Lebensmittel man verwenden darf, welche Wasserleitungen man verlegen darf, wo und wie die Toiletten zu stehen haben (ohne geht es natürlich nicht, unter gar keinen Umständen) und so weiter und so fort – es ist ein unendlicher Behördenmarathon, auf dem man permanent klein beigeben muss und demütig erfüllt, was die Experten so verlangen.
Schon die Anmeldung eines simplen Vereinsstandes auf einem Dorffest muss an 13 Behörden gehen, die alle prüfen und entscheiden, ob man ein Stück Kuchen verkaufen darf oder nicht (und mit Sahne darf man es schon mal unter gar keinen Umständen, weil: Sahne gleich Salmonellen, und daran stirbt der Deutsche bekanntlich sofort).

Ärzte können mir sehr viel zur „gesunden Lebensweise“ erzählen, sie würden gerne noch viel mehr vorschreiben und verbieten und verordnen, als sie es bereits erfolgreich tun. Aber das will kein vernünftiger Mensch! Der Experte darf gerne auf seinem Fachgebiet das perfekte Leben führen, wenn ihm danach ist, aber er soll den Rest der Menschheit machen lassen, was dieser will.

Ja, man kann sich im Wald verlaufen, und das kann auch ohne ausgehungerte Wolfsmeuten und Braunbären irgendwann mal ungesund sein. Und nach jedem Handy-Hilferuf eines orientierungslosen Pilzsammlers wird über entsprechende Verbote nachgedacht (Jäger erfinden schon heute gerne ein „Waldbetretungsgesetz“, nach dem bei Dunkelheit ihnen allein die Natur gehört, Himmel was habe ich da schon mit bewaffneten Schwachmaten im Taschenlampenschein diskutieren müssen…)

Und bei genauerem Betrachten wird den meisten Menschen einleuchten, dass es den Experten, die uns vor allen möglichen Gefahren bewahren wollen, nicht um unser Wohl geht – sondern natürlich um ihres (alles andere wäre auch eine biologische Sensation). Alles, was es dazu zu sagen gibt, hat Kurt Tucholsky in seiner Artikelreihe über die „Beamtenpest“ erläutert – „es ist noch alles da“ würde er heute dazu konstatieren müssen.

Ich will nicht über den konkreten Fall in Rickenbach sprechen, ich habe keine Informationen dazu, die über die Nachrichten hinaus gingen, und es steht mir (wie m.E. auch anderen) schlicht nicht zu, es ist ein lokales Ereignis, und man darf davon ausgehen, dass wie immer nach Unglücksfällen eher mehr als weniger Konsequenzen gezogen werden, aber auch darüber mag ich nicht spekulieren.
Aber ich will grundsätzlich gegen das Kluggescheiße wettern, das sich in all solchen Fällen von zig Selbstvermarktern vernehmen lässt: „Hätte man mal auf mich/ uns gehört, dann wäre das nicht passiert…“

Zumal mit der Fokussierung auf einzelne Unglücksfälle (ohne jeglichen Bezug zur Grundgesamtheit) stets Schindluder getrieben wird. Kachelmann selbst weist gelegentlich auf Risikowahrscheinlichkeiten hin. Mit Blick auf die Statistik dürfte man in einem Zeltlager jedenfalls sicherer sein als auf der motorisierten An- und Abreise. Aber das gilt ja als abgedroschen – und hat natürlich weniger mit Wetter zu tun, betrifft also die Ressorts anderer Experten, die andere Suppen kochen.

Updates:

1. Ergänzend wurde gemeldet (hier Zitat von Spiegel-Online):

„Die kleine Gruppe hatte in Rickenbach auf einem Spielplatz ihr Zelt für die Nacht aufgeschlagen. Ein Teil der 17 Jugendlichen schlief in einer nahe gelegenen Schutzhütte.“

Davor spricht schon wieder der Expertenwahn. Denn laut Bericht sagte der Bürgermeister der Gemeinde, in der der Unfall passiert ist:

„Das ist kein Zeltplatz. Da gibt es keine Infrastruktur, keinen Strom, kein Wasser, keine Toiletten.“ Für eine Nacht dürfe dort allerdings gezeltet werden.

Das es keinen Storm und kein Wasser gibt, hat natürlich überhaupt nichts mit dem Unfall zu tun (und ist für echte Outdoor-Fans absolut normal), es soll hier offenbar heißen: völlig ungeeigneter Lagerplatz.

2. Passende, nicht besserwisserische Worte zu dem Unfall von der Feuerwehr Herrenberg (auf FB).

3. Wie unpassend Kachelmanns Ferndiagnose ist, zeigt der aktuell vermeldete Ermittlungsstand: demnach gab es keinen Blitzeinschlag, Ursache war also nicht das Gewitter, sondern möglicherweise der Sturm – was sich sogar aus der Ferne erahnen ließe, wenn man sich wenigstens Bilder vom Unfallort ansieht.

4. Auch zum Thema Sturm gibt es wieder Besserwisser, u.a. dpa-Reporter Stephen Wolf, der offenbar weiß, dass ein Zelt außerhalb der Reichweite von Bäumen auf einer großen Wiese sicherer gestanden hätte. Ja, der Mann hat erkennbar reichlich Zelterfahrung…. Himmel, Wolf, auf freier Fläche fliegt so ein großes Zelt schon bei weit weniger als orkanartigen Böen weg, und wenn Sie sowas mal erlebt haben, dann haben Sie vor dem Zeltgestänge mehr Respekt als vor einem Baum – denn das Unfallrisiko ist auf der ungeschützten Wiese zigfach höher.

5. Jörg Kachelmann scheint wirklich stark an seiner Hybris zu leiden. Seine hoch-argumentative Antwort auf meinen Kommentar hier: „gähn“. Er mag halt Kommunikation wie die meisten, die damit ihr Geld verdienen: ausschließlich senden. Und als ordentlicher Experte weiß er natürlich eh alles besser.
6. Es handelte sich nach den neueren Informationen gar nicht um ein Zeltlager, sondern um eine einzelne Übernachtung bei einer 24-Stunden-Wanderung in einem einzigen Zelt. Das entspricht dann wohl sehr der von mir oben schon geschilderten normalen Hajk-Situation: da gibt es keinen „Plan B“, da gibt es kein Begleitfahrzeug, da ist nicht überall Handyempfang, man hat das Gelände nicht bereits zuvor erkundet etc.

7. Kachelmann ist offenbar (derzeit) völlig jenseits realistischer Risikoeinschätzung. Während er sonst jede Warnung, die nicht von ihm und seinem Kanal kommt, für „Klickschlampentum“ hält, behauptet er jetzt an mehreren Stellen: „Die Chance, bei einem solchen Gewitter am Waldrand zu überleben ist rund 50%.“ Die Hälfte aller Menschen und Tiere stirbt also bei einem heftigen Gewitter? Das darf man wohl Vollpfostenmeteorologie nennen.
8. Die Nachrichtenmaschinerie dreht derweil in gewohnter Routine das Ding weiter.

Das Unglück beschäftigt auch die Staatsanwaltschaft. Es gehe um einen nicht natürlichen Todesfall. „Da wird die Staatsanwaltschaft informiert“, sagte eine Sprecherin der Behörde[…]

Ganz was Neues. Aber Staatsanwaltschaft klingt natürlich dramatisch. Bald dürften die ersten Meldungen auftauchen, was den Verantwortlichen im Zweifelsfall drohe.
Und natürlich überall die Frage: „Hätte die Katastrophe verhindert werden können?“ Wer so fragt, kennt nur Ja als Antwort und hat auch schon ein paar Tipps: Nachtwachen braucht es beim Hajk, Handy, laufenden Check der Unwetterwarnungen, sicherere Zeltplätze, bessere Betreuer… Er ist ein Jammer, dieser Journalismus.

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