Gratuliert Eumann zum Diplom / Schwarzhunde

+ Marc Jan Eumann war mir schon immer unsympathisch, das muss ich einfach bekennen. Sicherlich hat dazu beigetragen, dass er über all die Jahre nicht ein einziges Mal auf eine journalistische Anfrage von mir reagiert hat. Aber vermutlich hätte ich ihm zunächst zum Diplom-Journalisten gratulieren müssen. Denn gerade beklagt er sich bei einer Journalistin im Deutschlandfunk-Interview – man darf annehmen, weil ihm die Fragen bis dahin nicht gepasst haben:

Ich finde, zum Stil gehört auch, dass Sie mir einfach mal gratulieren, dass ich diese Wahl gewonnen habe. Aber das ist offensichtlich auch Teil… [Audio-Datei]

Die Twitter-Kampagne dazu ließ freilich nicht lange auf sich warten: Gratuliert Marc Jan Eumann! Und bitte, wer es – im Gegensatz zur Süddeutschen Zeitung – seinerzeit versäumt hat, Eumann zu seiner der gestrigen Wahl sehr ähnlich knapp ergangenen Promotion zu gratulieren: bitte ebenfalls nachholen, auch Politiker verdienen Respekt, Anerkennung und verbale Arschtritte.

+ Wenn Sie, werte Beamte, in Ihrem ansonsten sicherlich wunderschönen Kaff Lohra auf zu viel sichtbaren Hundekot stoßen, dann haben Sie schlicht zu wenig Grünfläche (und das dortige Gras zu kurz gemäht). Aber es wäre ja auch zu schade, wenn Tucholskys Analyse der „Beamtenpest“ irgendwann keine Gültigkeit mehr haben sollte. Denn was er beschreibt, ist ein Naturgesetz.
Also: Viel Vergnügen mit Errichtung und Kontrolle einer DNA-Datenbank für Hundekot.
Und als nächstes dann bitte endlich die Human-DNA-Datenbank (aber sicherheitshalber nicht nur für Lohra, sondern die ganze Welt): nur so finden Sie zielsicher Wildpinkler und Kaugummiausspucker.

+ Die einzigen beiden Fragen, die sich Fans der repräsentativen Demokratie angesichts der seit bald drei Monaten laufenden (Vor-)Koalitionsverhandlungen stellen sollten: Warum können Politiker verschiedener Ideologiefirmen nur bei Aussicht auf formale Regierungsmacht (Ministerien, Staatssekretäre etc.) konstruktiv zusammenarbeiten, warum geht das außerhalb solcher Vertragsbündnisse niemals? Und wieviel Hirn braucht ein Abgeordneter, der verlässlich nicht für „wechselnde Mehrheiten“ sorgt?
Viel Freude mit der Antwort.

+ Wenn die Bahn einen (bis dahin pünktlichen) ICE zehn Minuten auf dem Standstreifen in der Walachei warten lässt, damit er von zwei anderen Zügen überholt werden kann… fragt man nicht mehr nach Logik bei der DB.

+ Die aktuelle Aufregung um mögliche Paketbomben wird sicherlich alsbald dazu führen, dass Pakete nur noch mit Ausweiskontrolle verschickt werden können. Oder man muss sie selbst transportieren. (Denn drolligerweise haben ja Hermes und dpd angekündigt, wohl bald Paket nicht mehr zuzustellen, sondern bei sich abholen zu lassen. Begründung: der zunehmende Aufwand und die gestiegenen Kosten wegen des stetig wachsenden Online-Handels. Mehr Pakete, mehr Umsatz – logisch, dass da die Leistungen gekürzt werden müssen…)


Die Hunde-Stasi*

Dass uns „dieser Staat“ (also seine Regenten) in jeden Lebenswinkel hinterherschnüffeln, haben wir nach 1989 als freundliche Dienstleistung verinnerlicht. Alles, was davor nur „Stasi“ war, wurde hernach zur notwendigen „Verteidigung unserer Freiheit“ – quasi ein antifaschistischer Schutzwall an jeder Straßenecke, in jedem Vorgarten, um jedes Bett.
Über eine Lokalzeitung stieß ich nun auf etwas, das man im Land der Schmähkritik-Staatsaffäre wohl „Hunde-Stasi“ nennen darf. Der Regent eines kleinen Kaffs beauftragt eine darauf spezialisierte Firma, seine Untertanen daraufhin zu durchschnüffeln, wo Hunde gehalten werden, für die keine „Hundesteuer“ entrichtet wird. Wie in diesem Milieu üblich wird nach Erfolg bezahlt – damit muss der kleine Regent nicht an seine Schatzkammer gehen, sondern darf stattdessen auf deren weitere Füllung hoffen.
Man kann das Vorhaben des kleinen Regenten einfach widerlich finden. Man kann sich davor ekeln, dass Mitbürger von uns solche Schnüffel-Jobs machen. Man kann sich darüber aufregen (wie es offenbar überall lokal kurz geschieht, wo die Hunde-Stasi aktiv werden soll) – man kann diese kleine Posse aber auch nehmen, um sich die grundlegenden Demokratiedefizite dieses Landes zu vergegenwärtigen. Es steckt da allerhand drin:

a) Die Hundesteuer an sich ist willkürlich und sie ist diskriminierend; würde darüber einmal von ganz normalen Bürgern in Ruhe und mit allem Pro und Contra beraten, wäre sie mit Sicherheit weg vom Fenster. Denn auch wer Hunde nicht leiden kann würde sicherlich einsehen, dass eine solche Steuer eben demokratisch nicht zu rechtfertigen ist. Willkür ist immer undemokratisch.

b) Jede Vorschrift schafft „Verfolgungsaufwand“. Wenn wir daran nicht komplett ersticken wollen, müssen tausende Vorschriften gestrichen werden, anstatt dass sich die Verwaltung täglich neue ausdenkt. Hundesteuer und Hundeverordnungen sind so ein überflüssiger Kropf.

c) Das konkrete Verfahren unterstellt jedem Bürger Betrug, es schürt Misstrauen und Anfeindungen. Die Mitarbeiter der Firma werden laut Presseberichten im Akkord bezahlt, die Firma selbst nimmt Erfolgsprovision – etwas, das aus gutem Grund in anderen Bereichen wie etwa der Rechtspflege verboten ist. Es liegt nahe, dass hier aus wirtschaftlichen Interessen die Grenzen der Legalität, vor allem aber die des Anstands ausgetestet werden. Wie einst der „GEZ-Schnüffler“ wird man auch hier dankbar jedes „Anschwärzen“ von Nachbarn aufnehmen… Insgesamt ein schlicht widerwärtiges Verfahren – zumal man diese Schnüffelei natürlich beliebig fortsetzen kann (und im Sinne der „Gerechtigkeit“ – siehe unten – fortsetzen muss), wenn man schon mal bei so etwas Unbedeutendem wie der Hundesteuer anfängt (die beauftragte Firma bietet ja schon Mülltonnenkontrollen an, aber es gibt ja noch viel, viel mehr, was man kontrollieren kann, vor allem wenn es externe „Dienstleister“ auf Basis von „Erfolgshonoraren“ machen.

d) Dass Behörden nicht im Auftrag der Bürger handeln, sondern ihr ominöses Gegenüber sind, wird an einer solchen Sache schön deutlich. Behörden „müssen etwas tun“, sie „müssen vollziehen“, kontrollieren… Ziel ist ja nicht ein gutes Miteinander (sonst käme man gar nicht erst auf die Idee, in Dörfern die Hundehaltung zu besteuern), sondern der Behördenbetrieb an sich. Alles Notwendige dazu hat bereits schlau und unterhaltsam Kurt Tucholsky geschrieben, es gilt bis heute unverändert – die Entwicklung beträgt da nämlich genau Null.

e) Es ist eine befremdliche Vorstellung von Gerechtigkeit, die zur Begründung für die Kontrollen angeführt wird. Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, was verboten ist und dass man eine festgesetzte Steuer zu zahlen hat. Aber wenn einzelne Unrecht tun, wird doch die Welt dadurch nicht ungerecht (denn gerecht und ungerecht kommen erst nach dem Richten). Da wir sicherlich alle nach Gerechtigkeit streben, müssten wir nach diesem Vorbild der „Steuergerechtigkeit“ für die totale Überwachung aller Lebensbereiche sein. Und schon in der Schule müssen alle darauf gedrillt werden, jeden Mitschüler zu denunzieren, der einen Spickzettel benutzt – denn ein solch illegales Hilfsmittel ist ja dann „ungerecht“. Eine herrliche Welt.

Siehe auch: Gedanken zur Willkür am Beispiel des Burka-Verbots

* es handelt sich hierbei um einen älteren Text, der noch in einer Datei geschlummert hat und daher keinen eigenen Eintrag bekommt, sondern im „Wochensammler“ verbraten wird. Es sind wohl inzwischen unzählige Kommunen, die die Dienste der Firma Springer in Anspruch nehmen – das Geschäftsmodell ist ja auch zu verlockend. Beispiele: Würselen , Warstein , Bad Sassendorf , Die Firma selbst schreibt auf ihrer Website: „Als Marktleiter führen wir diese Dienstleistung seit mehr als zwei Jahrzehnten für viele Kommunen bundesweit durch. Dabei besuchen wir jährlich mehr als 1 Million Haushalte. Unsere bewährte digitale Lösung minimiert die Schwarzhunde nach unserem Besuch auf fast null.“

Print Friendly

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.