Die Beschneidungs-Kirche

Normalerweise schweigt sie zu gesellschaftlichen Themen, meine liebe evangelische Kirche. Außer im politischen Schwenk der Sonntagspredigt, die ja meist fast ohne Öffentlichkeit gehalten wird, gibt es kaum mutige Positionierungen. Und auch die sich per se für die öffentliche Verlautbarung berufen fühlenden Kirchenleitungen und deren Spitzenvertreter (also der Landeskirchenebene) schweigen  zu den meisten wichtigen Dingen: sie beklagen weder täglich noch gelegentlich den Demokratiemangel  im Land, die Tierschinderei in der Agrarindustrie, die pervers hohen  Geldausgaben für Schnickschnack statt Gerechtigkeit, die Zustände deutscher Untersuchungshaft, die Verschuldung künftiger Generationen und so weiter. Das alles ist normalerweise kein Thema – aus einem naheliegendem Grund: sich damit zu beschäftigen wäre unbequem und würde immer zum Fingerzeig auf die eigene Nase führen. Evangelische Kirche lebt eben auch gerne bequem in dieser Welt.

Doch nun hat sie Ende Juni ein Thema entdeckt, das nur vermeintlich preisgünstig und ohne Konsequenzen fürs eigene Tun zu besetzen war, und zu dem sie wahrlich besser geschwiegen  hätte: die Beschneidung von nicht-einwilligungsfähigen Jungen.

Was reitet Kirchenvertreter und kirchliche Publizisten, sich so energisch und unreflektiert gegen die Rechtsprechung des Kölner Landgerichts zu stellen, Beschneidung als eine Lappalie darzustellen und einen Angriff auf die Religionsfreiheit zu beschwören, dass man den Eindruck gewinnt, es gäbe eine eigene „evangelische Peniskultur“?

Vermutlich natürlich das ewig schwierige Verhältnis von Christen zu Juden, das mit einer Beistandspflicht kompensiert wird, die Merkels garantierter „Staatsräson“ noch übertrifft. Zwar ging es in dem konkreten Gerichtsfall um die Beschneidung eines Kindes muslimischer Eltern. Doch dazu hätten sich Kirche garantiert nicht geäußert, wenn im Judentum nicht der selbe Initiationsritus alter Brauch wäre.

Was ich als Mensch dieses Kulturkreises von der Beschneidung und der Debatte ums Einzelfallurteil halte, ist unrelevant. Aber aus der Sicht professionellr Öffentlichkeitsarbeit hätten sich die Kirchen besser in Schweigen gehüllt, wenn sie schon nicht für das Kindeswohl Partei ergreifen  wollen, um Konflikte mit den Juden zu vermeiden. Das wäre eine diplomatische Lösung gewesen: „Wir halten uns da raus, es ist nicht unser Thema, müssen sich andere drum kümmern.“ Die Politik, das hätte man sehr schnell merken können, übernimmt den Part des aktiven Traditions-Schützers schon – und das auch noch von links bis rechts.

Doch stattdessen liest und hört man allerhand von evangelischer und katholischer Kirche: das Urteil sei handwerklich schlecht, ein Angriff auf die Religionsfreiheit, es fördere die Säkularisier.

Tatsächlich tangiert das Kölner Urteil den Protestantismus (und auch den Katholizismus) überhaupt nicht. Es steht auch nicht das nächste, ähnliche Problem an. Stattdessen schaffen die Kirchen mit ihrer gemeinsamen Positionierung wieder einmal völlig unnötig schlechte PR. Während in repräsentativen Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung das Gerichtsurteil begrüßt und bei den „Meinungsführern“ außerhalb von Politik und Religionslobby ein Verbot von Zwangsbeschneidungen intellektueller Konsens ist, lenkt die Kirche völlig unnötig nicht unberechtigte Fragen auf sich: Wie ist das eigentlich mit okkulten Praktiken bei euch Gläubigen? Was ist das für ein Gott, der von kleinen Jungs die Vorhaut fordert, sie aber offenbar, wenn sie stattdessen  getauft sind, gleichwohl lieb hat? (Und was hält Gott von all den Menschen, die weder beschnitten noch getauft sind?) Was treiben religiöse Männer eigentlich miteinander, wenn sie aufgrund ihres Peniszuschnitts von der Gemeinschaft ausgegrenzt werden können (ich jedenfalls könnte über die Penisse selbst meiner Freunde überwiegend nur Vermutungen anstellen)? Und was sagt ihr als Kirche zu der Beschneidungskritik, die aus dem Judentum und aus dem Islam vorgetragen wird?

Natürlich tauchen wieder die üblichen Schlagworte in den Social-Media-Debatten auf, die immer kommen, wenn Kirchenkritik formuliert wird: prügelnde Christen-Eltern, kirchliche Sexualmoral, Altmänner-Club, Paternalismus, archaisch, anachronistisch, chauvinistisch …

Keine der kirchlichen Positionen, die ich dazu in den letzten Wochen gelesen habe, war in einer Form aufbereitet, dass ich sie guten Gewissens zur Diskussion stellen würde. Meist habe ich gedanklich die Hände überm Kopf zusammengeschlagen und physisch laut aufgestöhnt ob des Unsinns, der Einseitigkeit, der nicht-vermittelbaren Binnensicht, des klerikalen Blablas. Die evangelische Kirche ist nie gut in öffentlichen Debatten. Sie hat kaum Repräsentanten, die dabei eine gute Figur machen können (und diejenigen, die sie hat, lässt sie nicht ran), sie ist wenig mutig, selten pointiert, selbst wenig kritikfähig und als Kommunikationspartnerin im interaktiven Web 2.0 völlig überfordert (weshalb dort dann alle Gespräche ohne sie stattfinden).

Evangelische Kirche soll, ja muss für die Schwachen und Stummen Stimme ergreifen. Das war hier aber gerade gar nicht nötig. Es wäre nicht opportunistisch gewesen, in der Beschneidungssache zu schweigen – es wäre die größt mögliche Solidarität mit dem Judentum in Deutschland gewesen, ohne eigene Glaubensinhalte aufzugeben und sich gemein zu machen mit einer Sache, die christlich nicht zu begründen ist.

Timo Rieg, Publizist

(Disclaimer: Zur evangelischen Kirche habe ich seit 1992 fünf Bücher geschrieben und weitere herausgegeben – dazu zahlreiche Aufsätze und Kommentare.)

Link-Auswahl:

Ein Urteil als falsches Signal (Evangelische Kirche im Rheinland)

Religionsfreiheit unzureichend berücksichtigt (EKD)

Bischöfe kritisieren Urteil (SpOn)

Beschneidung gegen Masturbation (WAZ)

Interessante Debatten, z.B. bei zeit oder freitag

Explizit für  das Recht auf Zwangsbeschneidung ausgesprochen haben sich von den evangelischen Kirchenvertretern u.a.:
Wolfgang Huber (ehemals Rats-Vorsitzender und amtierender Oberschlaulie)
Nikolaus Schneider (EKD-Ratsvorsitzender, gerne „Oberster Protestant“ genannt)
Frank Otfried July (Landesbischof der Württembergischen Kirche)
Annette Kurschus (Präses der EKvW, also Oberpriesterin in Westfalen)
Ulrich Fischer (Landesbischof Baden)
Ralf Meister (Landesbischof Hannover)
Markus Dröge (Bischof Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlautsitz EKBO)
Ingrid Spieckermann (Landessuperintendentin Hannover)
Martin Hein (Bischof Kurhessen-Waldeck – EKKW)
Heinrich Bedford-Strohm (Landesbischof Bayern – ELKB)
Peter Bukowski (Moderator Reformierter Bund)

Einzelne Pfarrer in offenem Brief (überwiegend Pensionäre)
– Evang. und kath. leitende Pfarrer / -innen im Raum Wetzlar
– Superintendenten Gerhard Koepke und Christian Weyer (KK Saar-Ost und Saar-West)
– Superintendent Michael Stache (Dortmund, EKvW)
– Superintendent Hans-Joachim Deterding (Oberhausen, EKiR)
– Superintendent i.R. Leopold Esselbach (Wittstock-Ruppin, EKBO)

Print Friendly

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.