„Ja“ zu unprofessioneller Jugendarbeit

Gestern Abend habe ich mich mit zwei alten Freunden getroffen, mit denen mich unter anderem vielfältige gemeinsame Erlebnisse in der Jugendarbeit verbinden – manche davon liegen ein viertel Jahrhundert zurück (oh Schreck).
Im Gegensatz zu mir sind die beiden lieben Freunde beruflich in der Jugendarbeit gelandet. Das hat das Revuepassierenlassen zu einer echten Herausforderung gemacht. Orientiere ich mich bei den Jugendfreizeiten, die ich immer noch veranstalte, genügend an den „Bedarfen“ der Jugendlichen? Bin ich dabei geschlechtssensibel genug? Und bin ich mir meiner Bildungsziele bewusst? Als ich in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv wurde, war ich – wie es sich dafür gehört – selbst noch sehr jugendlich, jung-jugendlich. Und mit Sicherheit haben wir nicht ein einziges Mal im Zusammenhang mit unseren Jugendkreisen, Musikgruppen, Offenen Treffs und Jugendgottesdiensten von „Bildung“ gesprochen. Es war Freizeitbeschäftigung, und von den Berufsjugendarbeiter haben wir den Begriff „Ehrenamt“ gelernt (der in meinen anderen damaligen  Betätigungsfeldern Feuerwehr und Schülerzeitung völlig unbekannt war).

Es ging auch nicht um „Bedarfe“, nicht um spezielle Förderungen und schon gar nicht um Qualitätssicherung in irgendeiner Form. Wir haben gemacht, wozu wir Bock hatten; da wir als Mitarbeiter, Gruppen- und Veranstaltungsleiter nur wenig älter, gleichalt oder sogar jünger als die Teilnehmer waren, fanden wir uns wohl unausgesprochen legitimiert genug, aus uns heraus das Programm zu entwickeln. Natürlich haben wir immer mal diskutiert, ob und wie das in die „Evangelische Jugend“ passt, aber ohne jede Vorgabe. Den Rest hat der Markt geregelt: es gab Kracher-Veranstaltungen und totale Flops.

Sozialpädagogen müssen da systematischer ran gehen, wenn sie eigenes anbieten  wollen. Wo sie aber Jugendliche in ihrem  Engagement unterstützen sollen, müssen die ja wesentlich in der Ministerialbürokratie entstandenen Vorgaben und Prüfkriterien weiterhin ignoriert werden. Jugendarbeit von Jugendlichen muss sich weiter am Spaßfaktor orientieren. Wir haben bei Aldi gegen Verpackungen demonstriert, illegale Tierrettungen unterstützt und Friedenswochen veranstaltet – weil wir Bock dazu hatten, weil es eine authentische Jugendreaktion auf die Erwachsenenwelt war. Es war nicht gut oder schlecht, aber richtig. Genau darin liegt die Kraft selbstorganisierter Jugendarbeit, autonomer Jugendverbandsarbeit oder meinetwegen auch unprofessioneller, laienhafter Jugendarbeit

Dass wir bei all dem im Nachhinein betrachtet auch „gebildet“ wurden, uns selbst gebildet haben, steht außer Frage. Aber das konnte nie das Ziel sein.

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