Journalismus bei der Tafel

Über rabattschnorrende Journalisten wird in letzter Zeit kaum noch berichtet. Einige Unternehmen haben aufgrund frührerer Berichterstattung ihre speziellen Journalisten-Rabatte gestrichen, andere versuchen nur weniger offensiv gute Meinugsäußerungen einzukaufen. Was es aber unverändert gibt, sind die Journalisten-„Kollegen“, die selbst aus Geschenken noch Geld machen. Denkt man im ersten Moment.

Eigentlich sollte es Standard sein, dass Redaktionen sich nichts schenken lassen. Keine Eintrittskarte zum Konzert, von dem sie berichten (lassen) wollen, kein Gerät, das sie testen möchten – das wäre Unabhängigkeit. Aber weil die PR-Abteilungen auf Seiten der Unternehmen nicht nur um die knappen Redaktionsbudgets wissen, sondern natürlich auch schlicht den Info-Angebotsmarkt kennen, reichen sie den Redaktionen auch ungefragt gerne alles kostenlos. Als Bestechungs- oder Korruptionsversuch wird man diese werblichen Aktivitäten aber erst sehen können, wenn die Journalisten selbst aktiv werden – und das kostenlos Empfangene monetarisieren.

Gerade mal drei Tage nach Erscheinen meines neuen Buchs**) erlebe ich das – natürlich – wieder: die von meinem Verlag kostenlos verschickten Rezensionsexemplare  – teils auf Anforderung, teils auch einfach so „auf Verdacht“ als Angebot – finden sich bereits in den Online-Shops. Besonders schön dabei sind immer die Hinweise „ungelesen“ oder „originalverpackt“. So viel Mühe hat sich dann der Journalismus gemacht zu prüfen, ob das Buch eine Besprechung wert ist oder nicht: ohne zu lesen, ohne es nur zu öffnen.

Früher habe ich solcherart angebotene Bücher von mir dann gerne selbst gekauft, und wenn ich eine begründete Vermutung habe, wer sich hinter dem Verkäufer-Pseudonym verbirgt, tue ich das auch heute noch. Weil ich die Reaktionen jeweils genieße. Da erhält man dann entweder ganz kurz nach seinem Online-Kauf oder auch erst nach vielen Tagen (Bedenkzeit?) Mitteilungen der Art (Originalzitat von einer Redakteurin, für dich ich lange Jahre geschrieben habe): „Sie haben bei mir gerade Ihr eigenes Buch gekauft. Ich spende die Einnahmen aus dem Verkauf von Rezensionsexemplaren zu 100% an gemeinnützige Organisationen. Soll ich Ihnen das Buch tatsächlich zuschicken oder soll ich den Verkauf stornieren (das ist bei amazon möglich)?“

Na wenn es für die gute Sache ist, dann doch bitte nicht stornieren!

Weil aber manche Verkäufer den Deal direkt stornieren, so dass ich ihre wahre Identität nicht erfahre, lasse ich solche Angebote inzwischen von Kollegen aufkaufen. Es ist doch gut zu wissen, wer in unserem Medienbetrieb in seiner Freizeit mit dem Verkauf von Rezensionsexemplaren der guten Sache dient.

Ohne aufgrund der überschaubaren Fallzahl eine quantitative Aussage treffen zu wollen, so sind es wohl doch ganz überwiegend die gut situierten Einkommensgruppen im Redaktionsbetrieb, die sich dieser Form der Gemeinwohlpflege hingeben. Dass man für die entgangenen Autorentantiemen*) dann keine Spendenbescheinigung vom Verkäufer des Rezensionsexemplars bekommt, trägt man mit kollegialer Fassung.

*)= Rezensionsexemplare werden dem Autor – wie alle Freiexemplare – nach dem Standardverlagsvertrag nicht vergütet.

**) Das neue Buch: „Demokratie für Deutschland – Von unwählbaren Parteien und einer echten Alternative“

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