Mustergültige Bahncard-Kontrolle

Deutschland ist absolut gut aufgestellt für den nächsten Massenwahn. Fehlt nur die fähige Führerfigur. Der Leistungsstand des Volkes ist jedenfalls prima.
Die Fahrkartenkontrolleurin im ICE ist ohne Abstrich freundlich zu nennen. „Und einmal die Bahncard noch bitte“, sagt sie zu meinem Begleiter, der das mit einem strahlenden „Siehste“ an mich quittiert und nach dem Plastik kramt. „Aber das Ticket ist doch bereits einmal gestempelt“, wende ich mich an die Dame, für die aufgrund des weiteren Gesprächsverlauf die Berufsbezeichnung „Knipse“ angemessen spektierlich ist. „Das hat damit gar nichts zu tun“, engegnet sie strahlend, „die Bahncard ist bei jeder Kontrolle vorzulegen, auch nach einem Personalwechsel im Zug etwa.“ Da die Knipse aus meinem nicht knipsbaren Ticket augenschleinlich nicht ableiten wollte, dass diese Reise mit der DB für mich keine Jungfernfahrt ist, entgegne ich behutsam: „Die meisten Ihrer Kollegen verzichten sinnvollerweise darauf.“
Sie: „Tja das ist natürlich nicht mein Problem, wenn da jemand die Tarifbestimmungen nicht durchsetzen will.“
Ich: „Man könnte es auch Vertrauen nennen. Sie hingegen unterstellen mit Ihrer Forderung ja nicht nur dem Fahrgast zu betrügen, sondern auch Ihren Kolleginnen oder Kollegen, bei der ersten Fahrscheinkontrolle geschlampt zu haben.“
Doch dann kommt die beste Begründung, die ich je für diesen Kontrollterror gehört habe. Die Knipse sagt, nun eisern lächelnd: „Sie könnten die Bahncard ja zwischenzeitlich verloren haben!“
„Ja und? Das würde doch überhaupt nichts an der Berechtigung ändern, eine Fahrkarte mit dem Bahncardrabatt zu haben.“
Sie: „Das stimmt, aber dann müssten Sie erstmal den vollen Preis bei mir nachzahlen, und das würde dann später verrechnet, wenn Sie Ihre Bahncard wieder vorlegen können.“

Ich schäme mich nicht für das Eingeständnis, diesen verzwickten Fall über all die Jahre nicht im Blick gehabt zu haben. Aber es ist natürlich logisch. Wo wäre die Ordnung Deutschlands, wenn da jemand mit der Bahn fährt und irgendwo während der Reise seine Bahncard verlöre, ohne dass dies mit einer sofortigen Nachzahlung auf den unrabattierten Normalpreis geahndet würde. Aber: die Deutsche Bahn hat das im Griff. Noch nicht durchgängig – meine diesbezügliche Einlassung muss nun als Brandmark der Schlamperei verstanden werden! -, aber doch tendenziell sehr gut. Nach der Wiedervereinigung dachten wir Fahrgäste ja, nur das neu eroberte und unterworfene Ostpersonal sei bürokratisch und hörigkeitsmäßig auf Zack. Nein, das heutige gesamtdeutsche Bahnpersonal übertrifft die Beamten der 90er Jahre in der Disziplin des bedingungslosen Vollzugs um Längen.

Deutsch – Land des Kadavergehorsams, dir steht mal wieder eine große Zukunft bevor.

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