Journalisten und ihre schallenden Ohrfeigen

Wie sähe wohl eine journalistische Berichterstattung ohne Metaphern aus? Ohne Kriegswortanleihen? Ohne Sprechblasen? Nicht, dass ich mir eine trockene Bürokratensprache wünschte – aber es wäre doch erhellend zu sehen, wie wenig Neues es eigentlich zu vermelden gibt. Das Problem ist natürlich lange schon bekannt: Korrespondenten und Politikredakteure leben in einem geistigen Paralleluniversum und sie biedern sich nach Kräften bei denen an, die sie für mächtig halten und an deren Hofstaat sie so gerne ein- und ausgehen (was jetzt, selbstredend, auch keine rein nachrichtliche Beschreibung ist).

Nehmen wir beispielsweise den Hintergrundbericht der dpa-Korrespondenten Christian Böhmer und Takis Tsafos von heute unter der Überschrift “Ohrfeige aus Cannes rüttelt Griechenland wach”. Man muss sich darüber nicht verwundert die Augen reiben oder den Kopf kratzen, zu gewohnt ist uns solch sprachliche Verballhornung von Politik, aber schauen wir doch spaßeshalber einmal genau hin:

  • Eine “Ohrfeige” ist Ausübung körperlicher Gewalt, die in Europa mittlerweile selbst Eltern gegenüber ihren Kindern verboten ist. Im Politiksprech macht sich das aber immer gut: eine schallende Ohrfeige finden Journalisten immer gut.
    Die Ohrfeige stammt aber nicht von jemandem, sondern von irgendwo, sie kommt nämlich aus Cannes. Ob sie per E-Mail herüberklatscht oder per UPS zugestellt wird, verrät die Überschrift nicht.
  • Der Tatort ist mit “Cannes” wunderbar ungenau beschrieben. Haben sich die Täter irgendwo in der 72.000-Einwohner-Stadt versteckt?
  • Wie rüttelt eine Ohrfeige? Wird sie mit Vibrato verteilt?
  • Oder ist es doch eher ein Erdbeben, schließlich wird ja ganz Griechenland aus dem Schlaf gerissen – wie immer sich so ein Landesschlaf anhören mag.

Schauen wir uns den Artikel an, nur den ersten Absatz:

  • “Ständig neue Entwicklungen im griechischen Schuldendrama stürzen die Europäische Union in eine beispiellose Krise.” What’s the message? Es ist ein alarmistischer Satz ohne jede Nachricht: Drama, Krise, beispiellos.
  • “Zum G20-Gipfel in Cannes demonstrierten die Europäer ihren internationalen Partnern wie Brasilien, China oder den USA entwaffnende Hilflosigkeit.” Dieser “G20-Gipfel” war also eine Demonstration, eine Show für die weite Welt – und kein Politikertreffen, um Probleme zu besprechen und nach Lösungen zu suchen?
  • “Weil Griechenland einseitig und völlig unvermittelt eine Volksabstimmung zu den EU-Hilfsmilliarden ansetzte, geriet das gesamte Gefüge der auf Konsens, guten Willen und Solidarität ausgerichteten EU ins Wanken.” Was nur heißen kann: Demokratie hat in der EU keinen Platz (der SPIEGEL hat ja bereits vor Wochen neue Notstandsgesetze gefordert, weil mit parlamentarischer Demokratie die Wirtschaftskrise nicht zu meistern sei), und Autonomie eines Landes gab es gestern mal, zu Früstens Zeiten. Dass eine Landesregierung eine Landesentscheidung trifft, ohne die großen Staaten dieser Welt oder wenigstens die europäischen Chefländer zu fragen, ist für die dpa-Journalisten völlig inakzeptabel. Die EU, sollen wir hier lernen, verlangt wie jede Kompanie den Verzicht aufs Denken. Und Demokratie ist, wenn man wenigstens in der Zeitung ein wenig von dem liest, was die großen guten Herrscher fürs Volk entschieden haben.

Dass die meisten Journalisten die gegenwärtige “Krisenpolitik” gut finden, ist verständlich: endlich ist mal richtig was los für sie. Wenn sie aber auch in ihrer Nachrichtenverbreitung vollständig in der Diktion der Politik verhaftet sind, sinkt der Informationswert gen Null.

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