Meine Bahn, mein Immunsystem, mein Proktologe

+ Die Deutsche Bahn ist bekanntlich zu dumm zum Bahnfahren (ausführlicher in der ihr gewidmeten Rubrik). Da sie bei ihrer Kernkompetenz schon gewaltig patzt, darf man vom Rest gar nichts mehr erwarten. Da heute aber alles als “Verschwörungstheorie” gilt, was einem selbst nicht in den Kram passt, liefere ich fürs schwarze Bahnloch “Internet” jetzt zweijährige empirische Forschung nach: während eine Verbindung mit dem Bord-WLAN in originären DB-Zügen immer Glückssache ist, klappt es in den Zügen der tschechischen Bahn immer wunderbar. Und zwar in Deutschland, auf denselben Strecken, auf denen die DB stets mit widrigen Außenumständen zu kämpfen hat (und viel zu oft verliert).

+ Hendrik Streeck ist ohne Zweifel eine wichtige Stimme im Corona-Diskurs gewesen. Er war sicherlich nicht unersetzlich (wer ist das schon), aber er wurde schlicht nicht ersetzt. Sein kürzlich erschienenes Buch “Unser Immunsystem” hatte er angeblich schon lange geplant, nicht erst aufgrund seiner coronabedingten medialen Bekanntheit. Bei mir ist sein fachliches Ansehen allerdings durch diese Veröffentlichung nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Wobei ich mich nur auf die Hörbuchfassung beziehen kann, die einzige Form, in der ich außerhalb meiner engen Fokusthemen Liegendes noch gelegentlich unterbekomme.
Meine Irritation gründet vor allem in seinem Erzählstil: Alle Erläuterungen zum Immunsystem sind eingebettet in das (vermutlich mehr oder weniger fiktive) Setting seiner Studenten-WG, in der er als Viertsemester seinen Mitbewohnern erklärt, wie der menschliche Organismus so funktioniert.
Was er dann ausführt, ist hoffentlich nicht der Stand seines damaligen Wissens – aber es wirkt zumindest auf mich so. Es wird an kaum einer Stelle deutlich, wo er nur nachplappert, was eben in einschlägigen Lehrbüchern so steht und was innerhalb der Ärzteschaft anekdotisch tradiert wird, und an welchen Stellen er sich auf Primärforschung berufen kann. Sind die kalten Wadenwickel gegen zu hohes Fieber mehr als Großmutters Weisheit? Ich hätte gerne für all solche Aussagen Belege, und gerne würde ich auch hier und da den Weg von Irrungen und Wirrungen erfahren, der bis zur augenblicklichen Erkenntnis gegangen wurde.
Sein Buch wirkt daher in weiten Teilen wie das, was Fachleute wie er zu Corona gesagt haben: der Übergang von Fakten zu Meinungen ist fließend, aber es dominieren die Meinungen – und die Richtigkeit vieler Tatsachenbehauptungen ist ohne aufwändige Recherche des Rezipienten nicht auszumachen.

+ Sind Ärzte zu einer Form von Personal-Trainern geworden? Jedenfalls erscheint es mir in den jüngeren Generationen auffallend hipp zu sein, nicht nur einen “Hausarzt” zu haben, sondern gleich verschiedene Leute als “mein Arzt” zu bezeichnen: mein Orthopäde, mein Urologe, mein Dermatologe.
Bestätigt sehe ich diese Beobachtung auch in der Werbung von Krankenkassen, etwa im Podcast “Endlich normale Leute“. Dass überhaupt eine Krankenkasse bei der vermutlich überwiegend jungen Hörerschaft wirbt, ist schon erstaunlich. (Natürlich sollten Junge erstmal finanziell attraktiv sein für eine Krankenversicherung, aber dass sie sich dafür interessieren könnten macht mich stutzig.) Und dann wirbt diese gesetzliche Krankenkasse einmal damit, für ihre Mitglieder die Arzttermine zu vereinbaren (und Till Reiners werbemoderiert das so: er selbst mache das mit den Arztterminen ungern und vergesse sie dann auch), ein anderes Mal mit einem “Online-Hautcheck“.
Wie wenig wir als Bürger über das Treiben unserer Pflichtversicherungen wissen, hat sich mit Fräulein Carola deutlich gezeigt: Obwohl wir alle den Betrieb zahlen (auch die Privatversicherten, über Steuerzuschüsse und diverse Sonderleistungen), erfahren wir kaum, was mit dem Geld geschieht: wie viele Corona-Fälle und Impfnebenwirkungs-Fälle behandelt (bzw. konkreter: abgerechnet) wurden zum Beispiel (wir erinnern uns an die Aufregung, die ein kleiner öffentlicher Blick in solche Daten verursacht hat). Da würde mich schon interessieren, mit welchen Leiden und Beschwerden etwa die Till-Reiner-Generation bei “ihren” Orthopäden, Proktologen, Physiotherapeuten etc. vorstellig wird.

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